Kollmitz
Kollmitz in Niederösterreich
Burgruine Kollmitz, Bezirk Waidhofen an der Thaya, Stadtgemeinde Raabs an der Thaya, Katastralgemeinde Kollmitzdörfel
Fortifikationen: Geschützturm, Bastionärbefestigung, "Böhmische Mauer"/Vorwerk
Die Ruinen der Burg Kollmitz befinden sich östlich von Raabs innerhalb einer Thaya-Schleife am Ende eines Höhenkammes in steil abfallender Spornlage. Der Zugang erfolgte aus nördlicher Richtung und musste die der Burg vorgelagerte, 300 Meter von dieser entfernte sog. „Böhmische Mauer“, welche ab Mitte des 15. Jahrhunderts den Sattel sperrte, durch einen Torbau passieren.
Diese „Böhmische Mauer“ besitzt in Niederösterreich als Verteidigungswerk ein Alleinstellungsmerkmal. Dazu errichtet, feindliche Truppen in beträchtlicher Entfernung von der Burg aufzuhalten, wurde diese als Sperrwerk am südlichen Rand einer natürlichen Senke und an einer sich verengenden Stelle auf dem Sattel angelegt. Die Mauer, an deren beiden Enden sich jeweils herausspringende, eckige Schalentürme befinden, ist rund 105 m lang und folgt teilweise einer kleinen, felsigen Geländestufe. Der Torbau ist mittig situiert, wobei es sich ebenfalls um einen hervorspringenden, eckigen Schalenturm handelt. Schlitze oberhalb des Torportals für die ehemals vorhandene Zugbrücke deuten auf einen Graben, welcher sich unmittelbar vor dem Tor befunden haben muss, heute aber verschwunden ist.
Die Forschung hat sich bislang nur mit den gemauerten Strukturen befasst und unter anderem richtig festgestellt, dass die „Böhmische Mauer“ nicht dafür eingerichtet war, um leichtes Geschütz aufzunehmen, mit welchem hätte auf eine entferntere Bedrohung reagiert werden können.
Außer Acht gelassen wurde der Umstand, dass sich das Kriegswesen im 15. Jahrhundert aufgrund nun vorhandener Kanonen in verschiedenen Bereichen geändert hatte – und damit auch das Befestigungswesen.
Die „Böhmische Mauer“ wurde offensichtlich etwas diagonal auf den Sattel gestellt, weil diese damit vor allem auf der westlichen Seite einer kleinen, felsigen Geländestufe folgt. Den davor befindlichen Hauptgraben, immerhin etwa 15 m breit, hatte man damals allerdings weitgehend quer in die natürliche Einsenkung gelegt. Bemerkenswert ist hier die Distanz zwischen Mauer und Graben, welche auf der westlichen Seite etwa 25 m, auf der östlichen Seite 35 m beträgt.
Aus naheliegenden Gründen ist es im Befestigungswesen absolut unüblich, zwischen einer Wehrmauer und einem Graben einen Raum vollkommen blank zu belassen. In Ermangelung einer archäologischen Untersuchung können wir daher nur vermuten, dass der genannte Raum damals eine „feldmäßig“ gestaltete Befestigung erfahren haben könnte, bestehend aus einem am Grabenrand – mit Hilfe des Aushubmaterials – gebildeten Walles sowie Palisaden („Zäune“ bzw. „Schreckzäune“). Neben dieser oder ähnlichen damals üblichen leichten Vorbefestigung wären auch ehemals aufgeschüttete Plattformen für leichtes Geschütz denkbar und somit weitere Strukturen, die heute bei oberflächlicher Betrachtung als abgekommen zu konstatieren sind.
Tatsächlich lassen sich im Gelände noch spärliche Konturen verorten, welche zumindest als Indiz für die Vermutung dienen mögen, dass es sich bei der „Böhmischen Mauer“ um eine umfangreicher befestigte Position gehandelt hatte. So akzentuieren Bodenwellen im nordwestlichen Bereich zwischen Tor und Graben eine leichte Erhebung, während im nördöstlichen Bereich ein hohlwegartiger Bereich eine muldenartige Fläche zumindest teilweise umschließt, deren östlicher Rand wie abgegraben wirkt. Von dort ist eine Aufböschung festzustellen, welche in südöstliche Richtung verläuft und beim Eckturm mündet.
Dazu ist es naheliegend, dass auch im unmittelbaren Rückraum gewisse bauliche, uns unbekannte und nurmehr abgekommene Sicherungen existiert haben könnten, um eine Überrumpelung im Rücken zu verhindern. Auffallend sind nach Durchschreiten des Tores zwei unterhalb der Westseite des Weges befindliche, größere Ausmuldungen, von denen die erste noch wahrnehmbar nach außen leicht aufgeböscht ist (Skizze: blau). Auf der Ostseite des Weges ließe sich in der LIDAR-Aufnahme mit großer Vorsicht eine dreieckige Kontur, dessen Grundlinie die dortige Mauer bildet, ausmachen (Skizze: blau).
Nachweise können nur auf archäologischem Weg erfolgen, ggf. gestützt durch das Auffinden von noch vorhandene Munitionsresten in einzelnen Bereichen. Aufgrund der Indizienlage sowie der baulichen Zeitstellung vermuten wir an diesem Ort ein komplex strukturiertes und in sich geschlossenes Vorwerk der Burg Kollmitz, dessen (gemauerter) Kern die „Böhmische Mauer“ darstellte. Sein Name, welcher sich angeblich von den damals erwarteten Einfällen aus Böhmen abgeleitet haben soll, könnte sich auch auf die Struktur der Befestigung bezogen haben: eine gemauerte Verteidigungsanlage, aber umsäumt von einer zeitgemäßen Feldbefestigung „böhmischer“ Manier.
Die Ruinen der Burg Kollmitz finden sich, wie oben erwähnt, 300 m hinter der „Böhmischen Mauer“ am Ende des Höhenkamms in Spornlage. Die Burg erfuhr im 15. Jahrhundert einen erheblichen Ausbau. Sie erhielt einen neuen, recht aufwendigen Torbau zur Kernburg, vor allem aber eine neue, in seiner Fläche umfangreiche Vorburg, welche mit seinen Baulichkeiten eine Anpassung an das Zeitalter der Feuerwaffen vornahm. Ob eine ältere Vorburg aufgrund der Beschaffenheit des Geländes existiert hat, ist nicht erwiesen. Denkbar wären aber – vielleicht auch nur improvisierte – Baulichkeiten, um die unmittelbar vor der Kernburg befindlichen erhöhten Areale dem Zugriff potentieller Angreifer zu entziehen.
Abgesehen von der neuen Kurtine und dem aus dem Felsen geschlagenen Graben, beinhaltet die Vorburg im Norden einen Geschützturm, im Nordwesten einen halbrunden Turm, im Westen einen unregelmäßig-halbrunden Torbau und im Südwesten einen Dreiviertel-Turm.
Der Torbau zeigt im ersten und im zweiten Stockwerk jeweils eine nach vorne orientierte Scharte, welche mit mit ihrem Steingewände (Werksteinahmung) eher den Eindruck von kleinen Fenstern vermitteln.
Bei den Öffnungen handelt es sich um zeitgenössische Trichterscharten für Armbrustschützen, welche später trotz hier fehlender Prellhölzer für den Gebrauch von Hakenbüchsen verwendet werden konnten.
Jedes der beiden Geschosse besitzt jeweils drei Scharten. Die rötliche Farbe des Mauerwerks weist übrigens auf einen früheren Brand hin.
Die Scharten des Halb- und des Dreiviertelturmes sind ähnlich angelegt wie jene im Torbau. Letzterer besaß auch eine heute teilweise zerstörte und zugemauerte Scharte für leichtes Geschütz.
Unser Interesse gilt hier vor allem jenem Bauwerk, welcher zur Aufnahme von Kanonen geschaffen wurde – der Geschützturm. Dieser befindet sich an der Nordecke und an der höchsten Stelle der Vorburg sowie gleichzeitig an einer Position, wo gegenüber der Felsenkamm die übrige Vorburg weitgehend überhöht.
Nach Oliver Fries und Ronald Woldron wird die Errichtung des Geschützturmes (sowie die Toranlage der Vorburg) auf um 1450/1460 geschätzt. Dendrochronologisch wurden noch vorgefundene Hölzer – mit Vorsicht – auf 1453/54 datiert. Hierbei handelt es sich um die unterste Bemessungsgrenze. (Herzlichen Dank an Oliver Fries für die Dendro-Daten sowie weiteren bauhistorischen Informationen!).
Wir haben es hier mit einem relativ frühen Exemplar eines Geschützturmes zu tun, welcher damals auch in der uns heute überkommenden Höhe von rund 19 Metern und mit einer erheblichen Mauerstärke errichtet wurde. Der Zutritt erfolgte über einen Hocheinstieg auf der hofseitigen Südseite in das erste Stockwerk. Die Mauerstärke des Turmes beträgt hier 3,5 Meter, oben im dritten Geschoss rund 2,6 Meter. Der runde Raum im Einstiegsgeschoss ist tonnengewölbt. Rechts von der Tür befindet sich eine nach Südost orientierte Geschützkammer, welche trichterförmig zum einzigen Fenster in diesem Geschoss führt. Das Fenster, innen aufgesockelt und größer als jene der Armbrustscharten in den anderen Türmen, besitzt eine großzügige Werksteinrahmung.
Der Aufstieg in das darüber befindliche Geschoss erfolgt über einen Gang in der Mauerstärke. Auf halben Weg befindet sich eine Schlüsselscharte in einer Mauernische, welche westlich orientiert ist.
Das zweite Stockwerk weist nur eine Geschützkammer mit einem werksteingerahmten und nicht aufgesockeltem Schießfenster auf. Dieses befindet sich an der Südseite des Raumes und zeigt in das Areal der Vorburg.
Vorhandene Baufugen im Inneren sowie die von außen ersichtlichen, vermauerten Schießfenster zeigen auf, dass die jeweils nach Südwest, Südost und Nord ausgerichteten Kammern wieder verfüllt und geschlossen wurden. Offenbar war es damals kurz nach dem Bau zu einer Planänderung gekommen. Die von Oliver Fries und Ronald Woltron herausgearbeiteten Indizien deuten weiters darauf hin, dass bereits zuvor das zweite Stockwerk ursprünglich anders geplant gewesen sein könnte.
Das dritte Obergeschoss verfügt über einen etwas geringeren Raum, weil der Turm auf diesem Geschoss rundherum um 70cm nach innen zurückspringt. Die hier vorhandenen vier Geschützkammern sind daher etwas verkürzt errichtet. Diese verengen sich konisch zu heute mannshohen Öffnungen. Das ehemalige Vorhandensein von ehemaligen Schießfenstern, Scharten oder Blenden ist heute nicht (mehr) ersichtlich und muss fraglich bleiben.
Nur eines der vier Schießfenster zeigt in westliche Richtung und damit in die potentielle Angriffsseite. Der Blick von außen vom Felsenkamm auf den Geschützturm (und umgekehrt) lässt erkennen, dass auch aus der ein Stockwerk unterhalb befindlichen und nurmehr vermauerten Kanonenkammer eine Bestreichung des Kamms im fast horizontalen Beschuss möglich gewesen wäre.
Es ist unklar, warum damals eine bauliche Veränderung vorgenommen und die Kanonenkammern – von einer abgesehen – in das dritte Obergeschoss verlegt wurden. Die Möglichkeit, dass es sich als problematisch erwiesen haben könnte, Pulvergase durch das Obergeschoss abziehen zu lassen, ist spekulativ. Es lässt sich nur die Notwendigkeit feststellen, den Geschützturm in der uns überkommenen Höhe errichtet zu haben, um von dort aus auf das Vorgelände einwirken zu können.
Das zurückspringende dritte Geschoss des Geschützturmes ermöglichte einen Mauerabsatz, auf denen ein durch Steinkonsolen gestützter Wehrgang angebracht werden konnte. Die Forschung geht davon aus, dass dem damals so gewesen war. Wir sind allerdings der Ansicht, dass dies zwar anfänglich geplant gewesen war, aber nicht realisiert wurde. Diese diskussionswürdige Sicht begründen wir mit dem Umstand, dass das Kanonengeschoss entgegen der ursprünglichen Planung in das zweite Obergeschoss verlegt wurde, welches wiederum als Schützenplattform konzipiert gewesen war. Wir nehmen an, dass daher die Schützen auf die oberste Plattform hatten wechseln müssen, wo sich heute eine Aussichtsplattform befindet.
Die gleichzeitige Nutzung des dritten Stockwerks für Geschütz sowie als außen angelegte Plattform für (Armbrust-) Schützen, welche ihrerseits auf einem hölzernen Wehrgang mit Holzverschlägen vor feindlichen Geschossen geschützt werden mussten, schließen wir aus. Eine Mobilität der Kanone als Voraussetzung, Feuergefahr (Mündungsflamme, Funkenflüge), Gewicht, Rückstoß-Energien, Rauchentwicklung sehen wir als Umstände an, die uns als nicht verträglich erscheinen.
Auf dem 1672 publizierten Stich von Matthäus Vischer finden sich am Geschützturm drei übereinander befindliche und nach außen gerichtete Fensteröffnungen, welche sich heute nicht nachvollziehen lassen. Diese markieren drei Geschosse, wobei das dritte Stockwerk noch ein weiteres Fenster erkennen lässt. Hierbei sollte es sich um das Kanonengeschoss mit den vier Geschützkammern handeln.
In dieser Darstellung fehlen nicht nur bauliche Konturen des Mauerrücksprungs und ein Gesims, sondern auch weitere Merkmale einer ehemaligen Wehrgalerie wie ein Kranz der Konsolensteine. Stattdessen zeigt der Stich auf der darüber befindlichen, obersten Ebene, unter einem Spitzkegeldach eine aus der Mauer herauskragende und – zu dieser Zeit altmodisch – mit Zinnen bekrönte Wehrplattform (für Schützen).
Trotz gewisser Unzulänglichkeiten in der Abbildung von Vischer sehen wir hier ein Indiz für der These, dass nach der Adaption des ursprünglich für Schützen vorgesehenen zweiten Stockwerkes als Kanonengeschoss, die Schützenplattform quasi auf das Dach verlegt wurde. Von der auf dem Stich angezeigten herauskragenden Baulichkeit hat sich allerdings nichts erhalten.
Text/Fotos: Rüdiger Rohde
Luftbilder und LIDAR-Aufnahmen: Amt der NÖ Landesregierung, BEV.
Kupferstich: Georg Matthäus Vischer, Topographia Archiducatus Austriae Inferioris Modernae 1672, V.O.M.B., Nr. 13.
Herzlichen Dank an Patrick Schicht und Gerhard Reichhalter für die Nutzung des Baualterplanes sowie einem Foto des Geschützturmes.
Herzlichen Dank an Oliver Fries für die Bereitstellung der Dendro-Daten, dem Bericht der bauhistorischen Untersuchung (Oliver Fries & Ronald Woldron, Burgruine Kollmitz, Bauhistorische Untersuchung – Auswertung der Baugenese, 2011/12) sowie allen weiteren bauhistorischen Informationen.