Spätmittelalterliche Fortifikationen mit Zeitstellung 15. Jahrhundert bei Burganlagen in Niederösterreich.

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Eppenstein in Steiermark

Einleitend sei hier festgestellt, dass zu dieser Thematik in Österreich keinerlei Grundlagenforschung existiert und wir uns an dieser Stelle bemühen möchten, im Rahmen unserer Möglichkeiten dazu einige Aspekte zu benennen, Fragen aufzuwerfen und weitergehende Überlegungen anzustellen.

Wissenschaftliche Literatur zu Burgen und Schlössern in Niederösterreich, welche derzeit in Form von Publikationsreihen weiter fortgesetzt werden wird, bietet wertvolle Informationen und Bestandsaufnahmen1. Dazu kommen eine Reihe von einzelnen Abhandlungen zu einer Anzahl von ehemaligen Adelssitzen oder landesfürstlichen Schlössern2, bauhistorische Untersuchungen3 sowie archäologische Befundungen über die Reste derselben4. Relativ neu ist eine Bestandsaufnahme der noch vorhandenen Befestigungen von Städten und Märkten in Niederösterreich durch das Bundesdenkmalamt (BDA)5.

Spezielle Abhandlungen hinsichtlich fortifikatorischer Baulichkeiten aus dem Spätmittelalter sind dagegen selten. Zu nennen wäre hier „Renaissance- bzw. frühneuzeitliche Stadt- und Schlossbefestigungen. Die Entwicklung und Ausprägung der bastionären Architektur im Osten Österreichs in Bezug auf die Wiener Stadtbefestigung“ von Gerhard Reichhalter6, welcher bei dieser Gelegenheit auf den Mangel eines Forschungsstandes hingewiesen hatte. Die Masse der bei ihm angeführten Baulichkeiten wurde erst nach 1500 errichtet.

Mit dem Phänomen der Vorbefestigungen von Burganlagen im 15. Jahrhundert befassten sich Thomas Kühtreiber und Olaf Wagener7, die damit die Zonen nahe einer Burg als einen taktischen Raum feststellten.

Auch die Forschungen zu städtischen Befestigungen des 15. Jahrhunderts im östlichen Österreich befinden sich noch in einer Anfangsphase. Dies ist nicht zuletzt auch einer sehr dürftigen Quellenlage geschuldet.

Hinsichtlich der Stadt Wien entstand im Zuge umfangreicher archäologischer Tätigkeit die Publikation „Von der mittelalterlichen Stadtmauer zur neuzeitlichen Festung Wiens“8, in welcher Heike Krause und Gerhard Reichhalter mit dem Aufsatz „Die frühneuzeitliche Stadtbefestigung von Wien – Ein Überblick“ die Entwicklung des Wiener Befestigungswesen thematisierten. Leider hatten den Autoren keinerlei Informationen über ein wesentliches Element der Wehrarchitektur des 15. Jahrhunderts vorgelegen, welches sich auch in Wien ab Mitte des genannten Jahrhunderts in den Quellen nachweisen lässt: die „Pastey“.

Erhellend ist hier der Vergleich mit den Befestigungskonzepten der umliegenden Städte Pressburg/Bratislava, Ödenburg/Sopron und Wiener Neustadt. Für die beiden ungarischen Städte in Grenzlage sei hier der Aufsatz „Feuerwaffen und Stadtmauern“ von Imre Holl angeführt9, auch wenn dieser sich nach aktuellem Kenntnisstand erweitern und präzisieren ließe.

In Wiener Neustadt, immerhin ehemalige Kaiser-Residenz, haben sich Archivalien zu den Bautätigkeiten/Baulichkeiten im 15. Jahrhundert leider nicht erhalten. Erwähnungen lassen sich nur in geringer Zahl beispielsweise im sog. „Gedenkbuch“ finden. Die Gelegenheit, in Hinblick auf die Landesausstellung 2019 die zuvor durchgeführte Grabungskampagne auf im Spätmittelalter den alten Befestigungen vorgeschobenen Bauwerke auszuweiten, wurde nicht genutzt. An der südwestlichen Ecke der ehem. Stadtbefestigung wurden dort befindliche Reste von Mauerzügen (Vorwerk/“Bastei“) nur angeschnitten, aber nicht weiter untersucht.10

Dieser Umstand ist als sehr bedauerlich zu benennen, denn eine weitergehende Untersuchung der ehemaligen Befestigungsstruktur hätte Auskunft geben können, warum es 1486/87 König Matthias von Ungarn nicht gelungen war, die Stadt mit Gewalt und unter Einsatz massivster Belagerungsartillerie zu erobern. Kurzum: die (vergebene) Möglichkeit, nach Feststellung des Befestigungskonzepts mit all seinen Komponenten die Funktionalität desselben anhand einer harten Probe – die Belagerung von (Wiener) Neustadt 1486/87 war eine solche gewesen – zu erforschen.

So bleibt es nach wie vor allein dem damaligen Hofschreiber und Chronisten Bonfini überlassen, über eine der damals entscheidenden Baulichkeiten, die „Bastei“, zu berichten, welche während der fast einjährigen Belagerung bis zur Kapitulation 1487 der Stadt im Gegensatz zu den umliegenden hochmittelalterlichen Baustrukturen hatte nicht zerschossen werden können.11

Zurück zu den Burgen und Schlössern. Mit der immer stärkeren Nutzung von Feuerwaffen im 15. Jahrhundert und der an Effektivität zunehmenden Belagerungsartillerie veränderten sich Angriffstechniken, was wiederum Lösungen im Befestigungsbau nach sich ziehen mussten, sollte die Verteidigungsfähigkeit einer Burg (oder einer Stadt) bei ernsthafteren Konflikten erhalten bleiben.

Die mittelalterliche Kernanlage wurde meistens modernisiert und ausgebaut, aber weitgehend beibehalten. Abhängig von der Situierung der Anlage wurden deren äußeren Bereiche neu adaptiert, umgebaut, ergänzt oder mit neuen Baulichkeiten nach außen verschoben.

Inhaber von befestigten Adelssitzen konnten auf mehrere Möglichkeiten zurückgreifen, um sich den neuen militärtechnischen Verhältnissen anzupassen. Diese war natürlich abhängig von den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln des Bauherren sowie der Bedeutung, die dem festen Platz zugemessen wurde.

Zu den eher einfachen und preiswerteren Lösungen gehörten die Verstärkung von bestehenden Strukturen wie die Vertiefung und Verbreiterung der Gräben oder der Anlage eines weiteren, dem ersten vorgeschobenen Grabens – abhängig von der Situierung der Burg. Mauern konnten durch Duplierung, durch Hinterfütterung oder gar durch beidseitige Aufschüttungen verstärkt und stabilisiert werden.

Aufwendiger waren ergänzende Baulichkeiten an der alten Ringmauer wie die Errichtung von (weiteren) Türmen an bedrohten Bereichen oder die Schaffung von vorspringenden Mauerabschnitten, um die Kosten für einen Turm einzusparen. Zu den ergänzenden Umbauten gehört auch die Nachrüstung der vorhanden Zinnen und Scharten für den Gebrauch von Hakenbüchsen.

Zu den weiteren Möglichkeiten, die aber noch einer traditionellen Bauarchitektur geschuldet waren, gehören die Errichtung bzw. der Erweiterung von Zwingeranlagen und/oder weiterer Vorburgareale, sofern noch nicht vorhanden. Diese umfangreichen Baulichkeiten sollten einerseits überlappende Abwehrmöglichkeiten schaffen, gleichzeitig aber auch einen Gegner von dem Kern der Anlage fern halten. Aufwendig war auch der Bau einer hohen Schildmauer vor der Kernanlage. Die Errichtung von flankierend wirkenden bastionären Wehrelementen in Form herausgeschobenen Türmen, Halbtürmen oder Streichwehren erhöhte die defensiven Fähigkeiten, aber auch die Kosten erheblich.

Häufig wurde improvisiert und äußere Areale einer Burg unter Berücksichtigung des Geländes mit Erdwerken versehen. Mit diesen aus Holz und Erde bestehenden Baulichkeiten ließen sich nicht nur Kosten reduzieren, sondern gleichzeitig Anlagen schaffen, welche sich gegen den Beschuss aus Kanonen weitaus widerstandsfähiger erwiesen als hochgemauerte Strukturen. Dazu gehörte das Anlegen von massiven Wällen vor bedrohten Mauerabschnitten oder auch die gänzliche Einbettung der Burg innerhalb eines Wallsystems.

Handelte es sich bei den Wällen um eher defensive Verteidigungsanlagen, so war die Errichtung einer im 15. Jahrhundert als „Bastei“ bezeichneten Baulichkeit ein Wehrelement zur Führung einer offensiven Abwehr. Das Phänomen der zeitgenössischen „Bastei“ bei Burganlagen ist gänzlich unerforscht. Aus den uns überkommenen Quellen lässt sich zumindest ableiten, dass es sich hierbei zumeist um Aufschüttungen (Holz-Erde-Konstruktionen) handelte. (Zu einem späteren Zeitpunkt mögen diese mit Stein eingekleidet worden sein). Das obenauf eingerichtete Wehrplateau diente zur Aufstellung von Kanonen, zu deren Aufnahme die älteren Baulichkeiten (hinsichtlich ihrer Größe, Stabilität, Scharten, Rauchabzügen) nicht geeignet waren. Dank einer mit Kanonen bestückten „Bastei“ bekam ein Burgherr die Möglichkeit, seinerseits die gefährliche Belagerungsartillerie unter Feuer zu nehmen.

Es ist derzeit noch vollkommen unklar, in welchem Ausmaß im 15. Jahrhundert in Ostösterreich die Burganlagen mit „Basteien“ versehen wurden, wo eine Errichtung derselben als notwendig erachtet wurde und wo nicht. Für die Region Niederösterreich wird in den vorhandenen Quellen ein als „Bastei“ bezeichneter Wehrbau bei einer Burg zum ersten Male 1441 erwähnt.

Ein anderes effektives Mittel, um potentielle Gegner von einer Burg fern zu halten, bestand in der Anlage von Stützpunkten im Vorfeld derselben. An neuralgischen Punkten (z. B. Auf überhöhenden Arealen) in unterschiedlichen Bauweisen aufgeführt, konnte neben einer vorläufigen Distanzierung dieser Gegner wertvolle Zeit gewonnen und gleichzeitig deren Kriegskosten erhöht werden.

Als letzte Phase des 15. Jahrhunderts sind die aufwendigen, häufig in bastionäre Verteidigungskonzepte eingegliederte Wehrbauten zu betrachten – niedere, widerstandsfähige Rondelle (zur Aufnahme von Hakenbüchsen oder kleinkalibriges Geschütz), Kanonenrondelle oder zumeist hufeneisenförmig angelegte Kanonentürme. Im ostösterreichischen Raum waren diese aber anscheinend für die Masse des Adels zu kostspielig, denn die Überreste diese Baulichkeiten finden sich zumeist bei als wichtig erachteten landesfürstlichen Burgen oder bei jenen, deren Besitzer sich aus der sozialen Schicht der Landherren oder der zu Vermögen gekommenen „rittermäßigen“ Familien zusammensetzten.

Bei Städten und in städtischen Strukturen eingefügte Burganalagen lassen sich etwa ab 1440 gemauerte „Tabore“, Vorwerke und Rondelle nachweisen, aber auch als „Bastei“ bezeichnete Baukörper. Städtische Anlagen besaßen aufgrund ihrer Größe und Lage entsprechende Verteidigungskonzepte. Als Torsicherung dienten vorgelegte und eine gerade Zufahrt brechende „Bollwerke“ und den Vorläufern der Barbakanen.

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass die fortifikatorischen Baulichkeiten in der genannten Zeitstellung nach Bedarf und den Möglichkeiten individuell gestaltet wurden. Baupraktische Notwendigkeiten waren in Ausführung und Umfang abhängig der finanziellen Mittel. Die Errichtung von Erdwerken in Holz-Erde-Konstruktionen war die logische Konsequenz, sich dem Beschuss einer Belagerungsartillerie passiv zu erwehren, aber auch, mit diesen Plattformen für eigene Artillerie zu schaffen, welche zuvor gefehlt hatten.

Diese Übergangslösung entwickelte sich parallel zur der mit Rondellen bestückten Bastionärarchitektur und ergänzte sich mit dieser auf den Weg zum nachfolgenden frühneuzeitlichen Festungsbau, welcher zunehmend auf niedere, aber um so festere Strukturen setzte.

Leider sind die damaligen Holz-Erde-Konstruktionen für die heutige Forschung mit dem Nachteil verknüpft, dass diese später zumeist abgetragen, eingeebnet oder in der Neuzeit überbaut und überformt wurden. Ihre Existenz lässt sich häufig nur mittels archäologischen Untersuchungen ermitteln, handelte es sich bei den Erdwerken um Formen einer der Burg angebauter oder dieser vorgelegter Feldbefestigung.

1Wehrbauten und Adelssitze Niederösterreichs – das Viertel unter dem Wienerwald, herausgegeben vom Institut für Landeskunde, St. Pölten, Band 1 (1998, Karin & Thomas Kühtreiber, Maxiilian Weltin, Christina Mochty), Band 2 (2003, Karin & Thomas Kühtreiber, Maximilian Weltin, Christina Mochty-Weltin, Ronald Woldron), Band 3 (2014, Karin & Thomas Kühtreiber, Christina Mochty-Weltin, Alexandra Zehetmayer, Maximilian Weltin, Ronald Woldron, Roman Zehetmayer); Band 4 und 5 befinden sich in Vorbereitung. Burgen Weinviertel (2005, Karin & Thomas Kühtreiber, Gerhard Reichhalter), Burgen Mostviertel (2007, Marina kaltenegger, Thomas Kühtreiber, Gerhard Reichhalter, Patrick Schicht, Herwig Weigl), Burgen Waldviertel, Wachau (2009, Markus Jeitler, Marina Kaltenegger, Kathrin Kinninger, Thomas Kühtreiber, Miroslav Placek, Gerhard Reichhalter, Patrick Schicht, Helga Schönfellner-Lechner, Alexandra & Roman Zehetmayer). Burgen unterm Wiener Wald (Thomas Kühtreiber, Gerhard Reichhalter, Markus Jeitler und andere) soll 2024 erscheinen.

2Unter anderem: Die Burg von Wiener Neustadt, Patrick Schicht, Berndorf 2019; Schloss Pögstall, hg. von Peter Aichinger-Rosenberger, Andreas Zajic (Land Niederösterreich), St. Pölten 2017; Schloss Marchegg, hg. durch das Land Niederösterreich, St. Pölten 2022.

3Beispielsweise die bauhistorischen Untersuchungen von Ralf Gröninger, u.a. zu Marchegg, Ebenfurth, Pottendorf, Rohrau, Rabenstein, Neuhaus (an der Triesting) oder jene von Günther Buchinger/Doris Schön zum Schloss Orth, Schloss Marchegg, der Wiener Hofburg oder Schloß Ulmerfeld.

4Beispielsweise Ronald Kurt Salzer zur ehem. Burg Grafendorf oder Karin Kühtreiber zum Burgstall Dunkelstein etc.

5Stadtmauern in Niederösterreich, herausgegeben von Hermann Fuchsberger, Patrick Schicht (Wien 2022).

6In: Jahrbuch für Landeskunde NÖ, Band 80 (St. Pölten 2014), S. 199-326.

7Die Motte vor der Burg – Vorgängeranlage, Vorwerk, Belagerungsanlage? Beiträge zur Mittelalterarchäologie 23 (2007), S. 327-347. Dieselben: Taktik und Raum. Vorwerke als Elemente des Burgenbaus im 15. und 16. Jahrhundert. In: Die Burg zur Zeit der Renaissance – Forschungen zu Burgen und Schlössern, Band 13 (2010).

8Monografien der Stadtarchäologie Wien, Band 9 (2016).

9Erschienen 1981 in: Acta Archaeologica Scientiarum Hungaricae, S. 201.

10Kasematten und St. Peter an der Sperr, hg. durch das Land Niederösterreich (2019).

11Das von Bonfini beschriebene Bauerwerk an der südwestl. Ecke der Stadt befand sich außerhalb des Grabens, war aber mit einer eigenen Grabenanlage versehen und anscheinend in eine Wallanlage integriert. Der Chronist beschrieb es einerseits als „Pastey“, andererseits auch als Turm, welcher mit Erde verfüllt worden war. Ungeklärt ist die Frage, ob die massiv ausgebaute zeitgenössische „Bastei“ später mit Steinen ummantelt worden war oder ob es sich um einen rondellartigen bzw. hufeisenförmigen Neubau handelte, welcher anschließend mit Erde und Steinen verfüllt worden war. Dieses Bauwerk hatte Kanonen getragen und war gleichzeitig offensichtlich ausreichend beschussfest gewesen. Unklar bleibt hier die Strukturierung der Wehrplattform(en).