Schloss Jedenspeigen – Fortifikationen.

Oberflächen-Analyse und Abgleich mit einer zeitgenössischen Quelle aus dem 15. Jahrhundert bezüglich fortifikatorischer Baulichkeiten im Spätmittelalter.

Es erfolgte weder eine Bauforschung der Kernanlage und eine Bodensondage des äußeren Schloss-Areals noch eine archäologische Untersuchung in den einzelnen Abschnitten.

I. Schloß und Bauplatz.

Abbildung 1. © R. Rohde. Blick aus südöstlicher Richtung auf das Schloss.

Das Schloss Jedenspeigen im Bezirk Gänserndorf, ein unter Einbindung mittelalterlicher Strukturen errichteter (Neu-)Bau aus dem 16. Jahrhunderts, befindet sich am Ende des Ortsangers des gleichnamigen Dorfes repräsentativ in erhöhter Lage. Auf der dortigen Geländeterrasse wurde durch die Anlage von Gräben eine nahezu rechteckige Fläche herausgeschält.

Abbildung 2. © Amt der NÖ Landesregierung BEV.

Der Umfang des Plateaus beträgt etwa 30x25x29x23 Meter. Bei der Errichtung der Burg wurden allerdings deren Außenmauern nicht an deren Rand, sondern in den Fuß der Böschung gesetzt. Die damalige Kernburg nahm somit wie der heutige Schlossbau eine Fläche von etwa 48x35x45x31 Meter ein.

Abbildung 3. © R. Rohde. Blick aus südwestlicher Richtung auf das Schloss.

Optisch auch heute noch reizvoll gelegen, war dieser Platz jedoch hinsichtlich seiner Verteidigungsfähigkeit mit dem gravierenden Nachteil behaftet, dass sich im Norden und Osten ansteigendes Gelände befindet. Vor allem der östliche Hang (zum aufsteigenden „Goldberg“) überhöht das Schloss innerhalb einer effektiven Beschusseinwirkung allein nur durch Handfeuerwaffen.

Dieser äußerst nachteilige Umstand musste die Verteidigungsfähigkeit der Burg derartig reduzieren, so dass sich die Frage aufdrängt, warum die Burg ausgerechnet an dieser Stelle errichtet wurde.1 Repräsentativ wirkend aus südlicher und westlicher Blickrichtung mutet der Platz aus nördlicher und östlicher Richtung dagegen geradezu versteckt an.

Abbildung 4. © R. Rohde. Blick aus östlicher Richtung auf das Schloss.

Von fortfikatorischen Baulichkeiten des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit sind heute, abgesehen von der südlichen Seite, kaum Reste vorhanden. Bei der südlichen Seite handelt es sich um den Zugangsbereich zum Schloss. Diesen vorgelegt befinden sich zwei Erdwerke, welche die gerade verlaufende Zufahrt flankieren.

Abbildung 5. © R. Rohde. Blick aus südlicher Richtung auf das Schloss.
Abbildung 6. © R. Rohde. Blick aus südlicher Richtung auf das Schloss.
Abbildung 7. © R. Rohde. Blick vom Tor des Schlosses nach Süden.

Neben der ungeklärten Entstehungszeit ist auch nicht bekannt, ob diese beiden Erdwerke von Anfang an separat aufgeführt worden sind oder ob ursprünglich ein geschlossener Wallkörper bei veränderter, gewinkelter Zugangssituation bestanden haben könnte, welcher erst zu späterer Zeit von der geraden Zufahrt durchschnitten wurde.

Abbildung 8. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde.

Dem Stich von Vischer nach, publiziert 1672, stellte sich die Zugangssituation im 17. Jahrhundert wie heute dar. Auf dem südöstlichen und weitaus größeren Erdwerk hatte man damals einen Garten angelegt.

Abbildung 9. Georg Matthäus Vischer, Topographia Archiducatus Austriae Inferioris Modernae 1672, V.U.M.B., Nr. 35.

Dessen Plateau hätte ehemals genügend Raum für eine  Aufstellung von Geschützen geboten, während das Plateau des südwestlichen Erdwerks nicht einmal die Hälfte der Fläche erreicht – zumindest nach heutiger Situation.

Abbildung 10. © R. Rohde. Blick auf das Plateau des südöstl. Erdwerks sowie auf die Zufahrt zum Schloss.

Auf der westlichen Seite ist anhand einer Geländestufe der ehemalige Verlauf der Zwingerbefestigung nachvollziehbar. Die Tiefe zwischen Mauer und Kante beträgt etwa 10 Meter.

Abbildung 11. © R. Rohde. Blick von Süd nach Nord an der Westfassade des Schlosses entlang.

Unterhalb dieser ist das Gelände abgeböscht. Am Fuße der Böschung ist nur noch schwach die Kontur eines ehemaligen Grabens ersichtlich. Auf dieser Seite befand sich damals ein Bach, welcher erst im 20. Jahrhundert kanalisiert und verschüttet wurde. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass im Spätmittelalter der Bach durch den Burggraben geleitet worden war.

Abbildung 12. © R. Rohde.

Zwischen Graben und Böschung dürfte sich – dem Stich von Vischer folgend – die neuzeitliche Gartenmauer befunden haben.

Abbildung13. Georg Matthäus Vischer, Topographia Archiducatus Austriae Inferioris Modernae 1672, V.U.M.B., Nr. 35.

Die Kontur des Grabens mündet an der nordwestlichen Ecke der Anlage in einer kleinen Mulde, welche sich noch kurz vor Erreichen des dortigen Eckpunktes in Richtung Böschung erstreckt. 

Abbildung 14. © R. Rohde. Die Mulde befindet sich in der Bildmitte.

Im LIDAR ist eine Ursache ersichtlich: es befindet sich im Boden, deutlich von der Umgebung abgesetzt, eine bauliche Struktur, die im nördlichen Bereich etwas dichter, aber auch unruhiger zu erfassen ist. Diese Struktur befindet sich außerhalb des ehemaligen Zwingerbereichs, aber dem genau an der Ecke vorgesetzt.

Wir können hier nur vermuten, dass sich aufgrund der Positionierung im Boden der Rest einer Eckbefestigung befindet, deren Nachweis nur mittels archäologischer Maßnahmen erfolgen kann.

Abbildung 15. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde.

Bei dieser Gelegenheit lohnt sich ein zweiter Blick auf den Stich von Vischer, wo dieser vor der westlichen Fassade des Schlosses ein unruhiges Terrain mit haufenförmigen Konturen dargestellt hatte. Diese könnten als Versturzhügel der ehemaligen Zwingerbefestigung interpretiert werden, wobei sich der größte dieser „Haufen“ bei der zuvor angesprochenen Nordwest-Ecke befindet.

Da kaum davon auszugehen ist, dass in der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts beim Neubau des Schlosses die alte und zerstörte Zwingerbefestigung aus romantischen oder nostalgischen Gründen ihrem desolaten Zustand belassen wurde, könnte Vischer damals die vollkommen verfallene Zwingerbefestigung der Renaissance skizziert haben.

Abbildung 16. Georg Matthäus Vischer, Topographia Archiducatus Austriae Inferioris Modernae 1672, V.U.M.B., Nr. 35.

Auf der Nordseite ist der Graben noch kenntlich, wenn auch auf das umliegende Niveau eingeebnet. Der Rest eines dort vorgelegten Walles erreicht von der Sohle hinauf noch eine Höhe von knapp 3 Metern, auf der Feldseite allerdings nur noch 1 Meter. Heute mit jungen Bäumen und Gestrüpp bewachsen, mündet das westliche Ende genau an die oben erwähnte im Boden befindliche Struktur ein. 

Abbildung 17. © R. Rohde. Blick aus westlicher Richtung nach Osten entlang der Nordfassade des Schlosses.

Der Raum zwischen dem Wall und dem nördlichen Flügel des Schlosses ist zu schmal für eine Zwingerbefestigung, welche sich dort äußerlich nicht feststellen lässt. Allerdings handelt es sich bei dem östlichen Schlosstrakt um einen erst in der Neuzeit errichteten Speicherbau. Tatsächlich lassen sich in dessen Außenfassade bei den Putzfehlstellen keinerlei Spuren spätmittelalterlicher Bausubstanz feststellen.

Sollte sich jemals an der Nordseite eine Zwingerbefestigung befunden haben, dürfte diese sich im oberen und heute überbauten Bereich an der Kante des Schlossplateaus befunden haben. Nicht auszuschließen sind andere wehrarchitektonische Lösungen und Baulichkeiten, welche sich dort befunden haben könnten.

Abbildung 18. © R. Rohde. Blick aus nordwestlicher Richtung auf das Schloss.

Der östliche Außenbereich der Schlossanlage, die potentielle Angriffsseite, ist leider gänzlich zerstört, was um so bedauerlicher erscheint, weil dort der weitaus größere ansteigende Hang einen gravierenden wehrtechnischen Nachteil bedeutete und durch bauliche Maßnahmen – so sollte man meinen – wenigstens nach Möglichkeit hätte kompensiert werden müssen. Hier wurde der südöstliche Bereich durch die neuzeitliche Errichtung des Meierhofes überbaut, welches sich heute im Besitz der Erzdiözese Wien befindet.

Abbildung 19. © R. Rohde.

Im nordöstlichen Bereich wurde wiederum in den 80er-Jahren ein Auffangbecken in das Gelände gegraben. Vor dem Auffangbecken führt eine wallartige, sich nach außen schiebende Erdsubstraktion bis kurz vor dem neuzeitlich abgegrabenen Areal des ehemaligen Meierhofes.

Abbildung 20. © R. Rohde. Blick in nördliche Richtung.
Abbildung 21. © R. Rohde. Blick in nördliche Richtung.

Die Substraktion ist heute mit Gras bewachsen. 2017 wuchsen dort noch wilde Gräser und einige kleine Bäume.

Abbildung 22. © R. Rohde.
Abbildung 23. © R. Rohde.

Dagegen heute:

Abbildung 24. © R. Rohde. Blick von der Erdsubtraktion in südliche Richtung zum Gutshof.

Der heutige Wallkörper ist sehr wahrscheinlich durch das ausgehobene Erdreich aus der Grube des Auffangbeckens entstanden. Stichproben aus der Oberfläche der Aufschüttung zeigten eine relativ hohe Dichte an modernen Metallschrott. 

Allerdings bleibt das Motiv, den Aushub aus der Grube zu einen bogenförmigen Wall aufzuschütten, unklar. Ließe sich die Errichtung eines Dammes gegenüber dem tiefer gelegenen Areal vor dem Schloss noch als schlüssig wahrnehmen, so fehlt es derzeit noch an einer Erklärung für den etwa halbrunden Verlauf sowie einer erheblichen Verbreiterung der Aufschüttung abseits einer möglichen Dammfunktion.

Vor dem äußeren Wallkörper befindet sich zwischen dem Auffangbecken und dem heutigen Gutshof ein kleiner, überwucherter Graben, welcher sich allerdings als Ablaufrinne erweist. Interessanterweise wurde diese direkt zum Meierhof bzw. dem heutigen Gutshof geführt, wobei die südliche Hälfte des Bettes ausgepflastert wurde.

Abbildung 25. © R. Rohde. Die überwucherte Rinne.
Abbildung 26. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde.
Abbildung 27. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde.

Leider hatten sich weder der Bürgermeister von Jedenspeigen und das Gemeindeamt noch Anwohner an die Bautätigkeiten hinsichtlich des Auffangbeckens erinnern oder Unterlagen dazu präsentieren können. Der Gutsverwalter äußerte die Ansicht, dass die wallartige Aufschüttung vor der Anlage des Auffangbeckens nicht existiert habe.

Eine alte Flugaufnahme, welche in den 70ern publiziert worden war, lässt tatsächlich keine wallartige Struktur erkennen. Das Areal ist stattdessen gradlinig durch Buschwerk oder Jungbäumen eingefasst. Das in diesem Bereich vorhandene Bodenniveau ist allerdings konkret nicht ersichtlich.

Abbildung 28. © Peter Janner. Mit freundlicher Genehmigung von Ferdinand Altmann.

Das Areal zwischen dem Wallkörper und dem Schlossgebäude ist nicht eben, aber als eingeebnet zu beurteilen. Der ehemalige Grabenverlauf und ggf. eine Zwingerbefestigung sind im Gelände nicht mehr nachvollziehbar.

Abbildung 29. © R. Rohde. Blick von Süden parallel der Ostfassade entlang.
Abbildung 30. © R. Rohde. Die östliche Fassade des Schlosses mit dem Vorbereich.
Abbildung 31. © R. Rohde. Blick von der Erdsubtraktion in Richtung NNW.

Somit lässt sich konstatieren, dass auf der östlichen Seite des Schlosses Jedenspeigen, wo an der potentiellen Angriffsseite die umfangreichsten Wehranlagen des 15. Jahrhunderts zu erwarten gewesen wären, sich nichts dergleichen erhalten hat. Das gesamte Areal wurde neuzeitlich umgestaltet.

Als erstes Fazit kann festgestellt werden, dass durch eine erste wie oberflächliche Analyse  kein Rückschluss auf das Aussehen der Burg im 15. Jahrhundert getätigt werden kann. Weder können die ehemaligen Außenanlagen mangels archäologischer Untersuchung noch die Kernburg mangels vorhandener Baugenese erschlossen werden. Dazu gehört auch der konkrete Standort des Wehrturmes (Bergfried), welcher aufgrund des erhöhten Vorgeländes im Osten zwingend notwendig gewesen sein sollte.

Außerhalb der Burg wäre ein fortifikatorischer Ausbau im Norden, wo sich zumindest noch der Rest eines Walles befindet, und vor allem im Osten zweifellos notwendig gewesen. Vor Ort ließ sich allerdings auch feststellen, dass massiv und umfangreich aufgeführte Wehrbauten jeglicher Art selbst in beachtlicher Höhe auf der Ostseite der Burg den Nachteil der tiefen Lage nur sehr eingeschränkt kompensiert hätten. Die dort befindlichen Gegenhänge wären innerhalb möglicher Schusswinkel immer nur bis zu einer bestimmten Linie zu bestreichen gewesen. Dahinter hätten sich potentielle Angreifer trotz offenen Feldes in einem toten Winkel befunden, um von dort aus die oberen Baulichkeiten der Burg für einen direkten Beschuss anvisieren zu können. Einzig ein hoher Bergfried hätte von seiner obersten Wehrplattform aus auf den Gegenhang einwirken können – mit Armbrüsten und Hakenbüchsen. 

Der ehemaligen Burg vorgelegte Vorwerke lassen sich weder im Gelände noch in archivalischen Materialien nachweisen.

II. Belagerung der Burg Jedenspeigen 1441. Hintergrund, Quelle, Interpretationen, Hypothesen.

An dieser Stelle wollen wir versuchen, uns über eine zeitgenössische Quelle aus dem 15. Jahrhundert der damaligen Wehranlage von Jedenspeigen anzunähern.

Kaspar von Jedenspeigen war 1439/40 während der Fehde von Christoph II. von Liechtenstein als dessen Fehdehelfer in Erscheinung getreten. Der Liechtensteiner hatte nach der gescheiterten Beilegung seines Konfliktes mit Königin Elisabeth von Ungarn mit der Fehde einen Ausgleich mit selbiger erzwingen und seine „Ehre“ verteidigen wollen. Der Jedenspeiger hatte es im Verlauf der Fehde mit dem im damaligen Oberungarn (heute: Slowakei) begüterten Landherren und Kriegsmann Pankraz von Szent Miklos zu tun bekommen, welcher im Verlauf der Ereignisse seinerseits das Dorf Jedenspeigen verwüstete.

Die nachfolgende Fehde gegen die Familie der Pottendorfer und deren Dienstleute wurde nach gescheiterten Vermittlungsversuchen von den österreichischen Ständen zu Ungunsten des Jedenspeigers beurteilt. Kaspar von Jedenspeigen, als Landfriedensbrecher bezichtigt, sah sich offenbar im Recht und verfasste auch eine schriftliche Rechtfertigung. Zudem genoss er die Protektion einiger einflussreicher Adeliger wie den Liechtensteiner und Berthold von Tempelstein, so dass er seinerseits nun auch gegenüber dem Landesfürsten und den Ständen die Fehde erklärte. Diese ist auf den 8. April 1441 datiert, jene seines Hauptmanns Heinrich Mayenberger bereits auf den 7. April.

Das Verfahren gegen den Jedenspeiger hat sich nicht überliefert, wohl aber die Exekution eines Urteils der österreichischen Stände gegen diesen. Die Stände formierten eine große Truppe, um gegen Landfriedensbrecher vorzugehen. Christoph von Liechtenstein, der den Jedenspeiger verständnislos fallen gelassen hatte, wurde zum Feldhauptmann ernannt.

Im Wiener Landes- und Stadtarchiv haben sich zwei Schreiben von Reinhart Tettlinger erhalten, welcher damals zusammen mit Jobst Rosenberger die von Wien gesandten Söldner kommandiert hatte. Die Kammerrechnungen wiederum geben Auskunft über den Umfang dieser Truppe, welche aus 113 Reisigen, 352 Fußknechten und 48 Fuhrleuten samt Fuhrwerken bestand. Außerdem wurde eine „große Büchse“ mitgeführt, d.h. eine großkalibrige Kanone, die in der Lage war, mit entsprechend großen Steinkugeln Mauern zu brechen.

Das von Wien gestellte Kontingent traf am Donnerstag, den 18. Mai 1441, in Dürnkrut ein, wo sie von dem Feldhauptmann und weiteren Kommandanten des ständischen Heeres inspiziert wurden. Dieses lagerte auf dem leicht welligen Gelände westlich der Burg Jedenspeigen. Die Truppe aus Wien verlegte ebenfalls zu diesem Platz, schlug aber eine Armbrustschussweite, wie es heißt, vom Hauptheer entfernt und durch eine Senke getrennt eine eigene Stellung auf, wobei durch die Fuhrwerke eine Wagenburg gebildet wurde.

Tettlinger befand sich gerade im Rat der Landleute, „da worden sie unser von stundan gewar Inn dem gslos und richten Ire groste püschen auf uns und schüssen in unser wagenpurg 4 schüss, und doch von den genad(en) gots nymand chain schad geschehen ist.“

Dieser Bericht zeigt auf, dass sich in der Burg Jedenspeigen 1441 nicht nur Kanonen befanden, sondern für selbige eine Baulichkeit mit einer Plattform existiert haben muss. Nach Tettlinger wurde die Wagenburg seiner Truppe aus größerer Distanz mit der größten in der Burg vorhandenen Kanone beschossen, deren Kaliber unbekannt bleibt. Deutlich wird nur, dass diese Kanone in westliche Richtung hatte wirken können.

An dieser Stelle wagen wir eine erste Hypothese hinsichtlich der Ausgangssituation für das weitere Geschehen. Der Anmarsch der ständischen Truppen erfolgte vermutlich über die heutige Landstraße L 3037 („Hauptstraße“), da der Weg über das Dorf Jedenspeigen mit diesem ein Hindernis sowie einen taktischen Nachteil aufgrund der Situierung zwischen zwei Hügeln bedeutet hätte.

Bezüglich der erwähnten Senke zwischen ständischem Hauptheer und dem Wiener Kontingent befinden sich derer zwei westlich der ehemaligen Burg. Jene im Südwesten ist knapp 1.000 Meter, jene im Nordwesten etwa 850 Meter entfernt.

Abbildung 32. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde. Hypothese für Standort der ständischen Truppen am 18. Mai 1441.

Sicherheitshalber wurde am Freitag, dem 19. Mai, zur Mittagszeit die Wagenburg der Wiener in jene Senke verlegt, auf deren anderen Seite sich das Hauptheer der Stände befand. Von der Burg aus wurde versucht, diese Bewegung durch weiteren Kanonenbeschuss zu stören, „aber all schüs gingen uber und mochten uns chain schaden gethan.“

Aus dem Schreiben von Tettlinger geht hervor, dass in der Nacht vom 18. auf den 19. Mai sich die Reisigen der ständischen Truppen – unter ihnen jene aus Wien – ein Scharmützel mit feindlichen Kräften geliefert hätten. Die Örtlichkeit wird leider nicht genannt, auch nicht die Umstände, die dazu geführt hatten. Denkbar, weil nachvollziehbar, wäre ein Angriff auf das Dorf, um dieses als Stützpunkt und auch aufgrund der logistischen Rolle für die Besatzung in der Burg auszuschalten.

Abbildung 33. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde. Hypothese für Standort der ständischen Truppen am 19. Mai 1441.

Am Samstag, den 20. Mai 1441, bezog das ständische Heer neue Stellungen, um seinerseits operativ gegenüber der Burg tätig zu werden. Aus diesem Grund wurde die Truppe in zwei Formationen gegliedert, wobei sich die eine Gruppierung mit ihrer Wagenburg hin „an dy passtey zu den puschen vnd dem zeug“ orientierte. Die zweite Gruppierung, in welchem sich auch das Kontingent der Stadt Wien befand, verlegte mit ihrer Wagenburg „hintter das haus in aynen grunt ain wenig mer dann ain armst schüss, als wir uns nyder slugen da schussen sy heraus mit Irer grosten stainpuschen uber unser wagenpurg.“

Hypothese:

Unklar bleibt hier der neue Standort der ersten ständischen Gruppierung, ebenso wie der Standort der „Bastei“ bei der Burg. Deutlich ist nur, dass diese Truppe sich näher vor die Burg legte, um ihre Kanonen in eine effektive Schussentfernung zu positionieren. In Anbetracht des Umstandes, dass sich auf der Nordseite der Burg außerhalb ein Wall befand, über dessen ehemalige Höhe wir allerdings keine Kenntnis besitzen, ein Beschuss der Burg in Richtung Nordwest-Ecke aufgrund ungünstiger Winkelsituation weniger effektiv sein muss, dürfte sich die ständische Truppe mit der Wagenburg auf dem westlichen Hang positioniert und dort verschanzt haben. Von dort aus wäre die gesamte westliche Längsseite der Burg in einem günstigen Winkel zu beschießen gewesen.

Gestützt wird diese Hypothese durch den Fund von 11 Pfeilspitzen, als nach Mitteilung eines Anwohners in den 80er-Jahren unterhalb der Westfassade eine kleine Sickergrube (für ein WC) ausgehoben wurde. Bei den Pfeilspitzen handelt es sich um 10 Armbrustbolzen mit Tülle sowie um ein schmales, vierkantiges Geschoss mit Dorn, welches möglicherweise von einem früheren Konflikt herrührt.

Dieser Fund ist nicht repräsentativ, doch deutet das Fehlen von Hakenbüchsenkugeln auf eine Zeitstellung von vor 1450/60.

Die Senke „hinter dem Haus“, in welchem sich die zweite ständische Gruppierung unter dem Kommando von Niclas Truchseß neu aufgestellt haben soll, ist dagegen eindeutig zu identifizieren, da nur eine im Gelände vorhanden ist und diese sich abbiegend am hinteren Ende in einem toten Winkel zur Burg befindet.

Abbildung 34. © R. Rohde. Blick vom Schloß in nordöstliche Richtung.
Abbildung 35. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde. Hypothese für Standort der ständischen Truppen am 20. Mai 1441.

Reinhart Tettlinger berichtete über Schanzarbeiten bei der Wagenburg, aber auch von dem Tod eines Zimmermanns, dem in der Nacht mit einem Geschoss aus einer Tarrasbüchse ein Fuß (oder ein Bein) abgetrennt worden war. Der Zimmermann habe sich, so Tettlinger, in einer Hütte bei dem „Zeug“ (Kanonen) befunden, und diese wiederum an der höchsten Stelle des besetzten Areals.

„Auch haben sie nachten ain zymerman geschossen mit ayner Terraspüschen ain fuss ab vnd ist auch gestorben In der hütten pey dem zeug, vnd die selbing hütt ligt am hochsten pey vns.“

Weiter erzählte der Kommandant, dass die Männer in der Nacht Schanzkörbe gesetzt und befüllt hätten, angeblich nur einen Steinwurf von der Burg entfernt.

„Also haben wir die vergangen nacht aber die geschart gehabt pey vnser wagenpurg zu Ross vnd zu fuss auf hundert man vnd haben die nacht die körb geseczt, das man mit aynen stain wirft In das Haus vnd die vergraben vnd auch angeschutt wir mit ewrem volk.“

Hypothese:

Die in Ost-Nordost befindliche Senke hinter der Burg schützte die zweiter Gruppierung der ständischen Truppen vor den direkten Beschuss aus der Burg, um allerdings selbst diese anzugreifen, mussten andere Positionen eingenommen werden.

Tettlinger gibt uns den Hinweis, dass sich auf seiner Seite der Belagerer die Kanonen auf dem höchsten Punkt befunden hätten. Doch erwähnte er nicht, auf welcher Seite: im Norden oder im Osten. Unklar bleibt auch, auf welcher Seite die Schanzkörbe an die Burg herangeführt wurden, im Norden, im Osten oder auf beiden Seiten, wobei das Schussfeld für die Kanonen frei gehalten werden musste.

Die in Richtung Burg mündende Senke bot wiederum eine Möglichkeit, von dieser aus niedere Befestigungen der Burg an der Nordost-Ecke zu bestreichen.

Abbildung 36. © R. Rohde. Blick von der Senke in südwestliche Richtung auf das Schloß.
Abbildung 37. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde. Hypothese für Standort der ständischen Truppen in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai 1441.

Der als „Kanonenstellung 1“ markierte Platz besaß – wie eingangs erwähnt – für Belagerer den Vorteil, sich für niedere Verteidigungsanlage der Burg im toten Winkel zu befinden, wobei sich gleichzeitig aber das eigene Schussfeld auf die oberen Baulichkeiten der Burg reduzieren musste. Zweifellos hätte ein Beschuss schwere Schäden am vermuteten Turmbau und an den Dächern anrichten, aber keine Bresche verursachen können.

Abbildung 38. © R. Rohde. Blick vom östlichen Hang auf das Schloß.
Abbildung 39. © R. Rohde. Blick aus nordöstl. Position vom Rand der Senke auf das Schloß in "Steinwurfweite".

Der als „Kanonenstellung“ 2 markierte Platz im Norden hatte wiederum den Vorteil, aufgrund der nordöstlich verlaufenden Senke über ein besseres Schussfeld zu verfügen. Der Nachteil bestand hier aber darin, dass der Aufprallwinkel der Geschosse auf die Mauern der Burg mit um die 45 Grad alles andere als optimal sein musste.

Da sämtliche Hänge bereits vor Jahrzehnten gründlich abgesucht wurden, ergaben sich trotz dankenswerter Unterstützung der Gutsverwaltung nur spärliche Funde. Die wenigen Munitionsreste waren neuzeitlich (Bleimunition für Musketen), so dass sich leider keine Beschusslage aus dem 15. Jahrhundert rekonstruieren ließ. Nur eine einzige vierkantige Pfeilspitze mit Dorn, vom Gewicht her eher einem Bolzen zuzuordnen, wurde am Osthang aufgefunden.

Die wahrscheinlich unzähligen „Sondelgänger“ der vergangenen 30 Jahre haben sich aber glücklicherweise nicht für die alten, handgeschmiedeten Nägel interessiert. Diese waren zahlreich auf dem Hang im Osten, im mittleren Bereich der Senke, vor allem aber in einer bemerkenswerten Dichte auf dem Nordhang zu finden. Diese Funde von alten Nägeln könnten auf ehemalige Feldstellungen deuten, lassen sich aber zeitlich nicht einordnen.

Abbildung 40. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde. Hypothese für Standort der ständischen Truppen in der Nacht vom 20. auf den 21. Mai 1441. Grün markiert sind die Bereiche der Nagelfunde.

Das zweite Schreiben von Reinhart Tettlinger und Jobst Rosenberger an den Stadtrat von Wien ist auf den 25. Mai 1441 datiert. Sie berichten von dem Einsatz der „großen Büchse“, welche zuletzt eingetroffen sei und vor ihrem Heer liegen würde. „… und man hat auch gestern nach Mittag 7 schüss daraus than und hat der auseristen Maur ain vach nyder geschossen und alle schüss darnach durch 2 Maur gangen sind.“

Wir wissen nicht, wo diese großkalibrige Kanone aufgestellt worden war, doch erfahren wir indirekt von der Zwingerbefestigung der Burg Jedenspeigen, die mit dem großen Geschütz offenbar relativ leicht zu durchbrechen gewesen war.

In Anbetracht des massiven Aufgebots der Stände, wahrscheinlich auch wegen der bereits entstandenen Schäden an der Burg sowie dem Umstand, dass Kaspar von Jedenspeigen isoliert worden war und keinerlei Hilfe zu erwarten hatte, suchten er und seine beiden Brüder bereits am Mittwoch, den 24. Mai, um eine Verhandlung an. Sie stellten die Übergabe der Burg in Aussicht, forderten aber dafür den freien Abzug mit ihren Pferden, Harnisch, Waffen und ihrer persönliche Habe. 

Die ständischen Belagerer verschafften sich noch einen Eindruck, in dem sie in der Nacht zum 25. Mai ein Geschrei veranstalteten, um die Burgbesatzung zu aktivieren. Dann wurden die vorbereiteten Kanonen – es werden vier große Büchsen und ein Mörser genannt – gleichzeitig abgefeuert.

Am folgenden Tag, dem Donnerstag „Auffahrtstag“, wurde unter den Anführern der ständischen Truppen über das Angebot der von Jedenspeigen beraten. Nicht jeder war damit einverstanden. Tettlinger und Rosenberger wussten über die Entscheidung noch nicht zu berichten, die uns aber aus einer anderen Quellen bekannt ist: Die Brüder von Jedenspeigen übergaben die Burg und erhielten freien Abzug.

Fazit:

Diese Quelle aus dem 15. Jahrhundert enthält bemerkenswerte Details, auch wenn die Wehranlagen der Burg Jedenspeigen kaum erfasst werden. Von Bedeutung ist hier das Vorhandensein von Kanonen, von denen wenigstens zwei erwähnt werden: eine größere Steinbüchse sowie eine Tarrasbüchse mittleren Kalibers. Unserer Kenntnis nach ist die Erwähnung einer dazugehörigen Plattform, die „Bastei“, die früheste dieser Baulichkeit bei einer Burg in den uns überlieferten Quellen in Niederösterreich. Diese Quellen sind allerdings selten, so dass hier nicht beurteilt werden kann, ab welchen Zeitpunkt, in welcher Weise und bei welchen Burgen eine „Bastei“ als Reaktion auf die Bedrohung durch Belagerungsartillerie im 15. Jahrhundert errichtet wurden.

Anzumerken sei hier der Umstand, dass Kaspar von Jedenspeigen dem Ritterstand angehörte und seine Herrschaft eher kleinräumig, das Einkommen somit überschaubar gewesen sein dürfte. Er lässt sich nach dieser Episode im oberungarischen, dem heutigen slowakischen Raum nachweisen, wo er im Dienste von Landherren militärische Kommandofunktionen ausübte. Mit Kriegsdiensten dürfte sich Kaspar von Jedenspeigen auch zuvor seinen Lebensunterhalt aufgebessert haben. In Jedenspeigen hatte er offensichtlich die Mittel besessen, eine Baulichkeit für den Einsatz von Kanonen zu errichten.

Über den Standort der erwähnten „Bastei“ ist nichts bekannt. Möglich ist auch – in Anbetracht der eher ungünstigen Lage der ehemaligen Burg – die damalige Existenz einer zweiten Plattform. Die beiden Schreiben der Wiener Kommandanten lassen einen Wirkungsbereich in das westliche, etwas entferntere Höhengelände, aber auch nach Norden und Nordosten rekonstruieren.

In der Annahme, dass es sich bei der erwähnten „größten Steinbüchse“ der Jedenspeiger um ein und dasselbe Geschütz gehandelt hatte, müsste sich die „Bastei“ im Norden der Burg befunden haben – entweder als Bestandteil des Walles oder hinter diesem am Rande des Plateaus auf der Ostseite in etwas erhöhter Lage. Da wir keine Kenntnis über einen Bergfried geschweige denn dessen Lage besitzen, sollte bei letzterer Möglichkeit ein Turmbau den Wirkungsbereich reduziert haben.

So muss die Frage offen bleiben, ob damals eine „Bastei“ im Norden der Burganlage durch eine weitere ergänzt worden sein könnte, auf welcher sich die Terrasbüchse befunden haben mochte. In Erinnerung an die Struktur im Boden der Nordwestecke könnte sich auch eine an der Nordostecke befunden haben. Der Blick vom Nordhang aus hinab auf das Schloss lässt erkennen, dass ein entsprechender Bau notwendig gewesen sein muss, um einem Beschuss etwas entgegensetzen zu können. 

Abbildung 41. © R. Rohde. Blick vom östlichen Hang auf das Schloß.
Abbildung 42. © Amt der NÖ Landesregierung BEV. Markierung: R. Rohde. Spekulative Standorte für eine "Bastei".

Nicht unerwähnt bleiben sollen in diesem Zusammenhang die beiden Erdwerke, welche im Süden den Zugang zum Schloss flankieren. Zu nichts anderem als zur Torsicherung scheinen sie zu unbekannter Zeit errichtet worden zu sein. Das größere, südöstliche Erdwerk, hätte bei einer Armierung mit Kanonen mit diesen kaum auf die erhöhte Ostseite einwirken können, während das kleinere, südwestliche Erdwerk hätte auch in westliche Richtung wirken können, aber doch nur mit einer eher bescheidenen Kapazität. Der zeitgenössischen Quelle folgend hatten diese Erdwerke, sollten diese 1441 bestanden haben, keine Rolle gespielt.

Von einer Entdeckung soll hier noch berichtet werden. Auf der Suche nach möglichen wie sinnvollen Standorten für ehemalige „Basteien“, bemerkten wir an der Fassade des Schlosses eine Augenfälligkeit.

Mittig links in der westlichen Fassade ist deutlich zu erkennen, dass sich hier spätmittelalterliches Mauerwerk in einem größeren Umfang erhalten hat und beim Neubau des Schlosses integriert wurde.

Abbildung 43 © R. Rohde. Spätmittelalterliches Mauerwerk mittig links in der Westfassade.

Die untere Hälfte der Fassade, großteils vom Putz befreit, wirkt im Verlauf zur nordwestlichen Ecke hin teilweise wie ein Flickenteppich, auf dem die Ziegelflächen überwiegen. Dagegen wurde der gesamte Bereich bis zur Südwest-Ecke vollständig (neu) aufgeziegelt.

Abbildung 44 © R. Rohde. Westliche Fassade des Schlosses Jedenspeigen.

Auf der östlichen Fassade befindet sich eine ähnliche Situation. Mittig das weitgehend erhaltene, wenn auch beschädigte, offenbar ehemals reparierte, ergänzte und mit Fensterdurchbrüchen gestörte spätmittelalterliche Mauerwerk, welches in Richtung der Nordost-Ecke nur noch niedrig und stärker gestört vorhanden ist.

Abbildung 45 © R. Rohde. Mittige Fläche der Ostfassde des Schlosses Jedenspeigen.

Den Verlauf zur Südost-Ecke folgend wurde dort ein Bereich ab Bodenniveau gänzlich aufgeziegelt, während die Mauer der Seitenwand des Hauptgebäudes im unteren Bereich Bruchsteine aufweist. Daher wirkt der aufgeziegelte Teil der Mauer wie eine ehemalige Bresche, welche frühneuzeitlich geschlossen wurde.

Abbildung 46 © R. Rohde. Ostfassde des Schlosses Jedenspeigen.

Das Bruchstein-Mauerwerk im Bereich der Südost-Ecke wiederum ist, soweit ersichtlich, kaum lagerhaft aufgeführt. Diese Mauer vermittelt äußerlich den Eindruck, als wäre sie noch im 15. Jahrhundert nach massiven Beschädigungen umfangreich repariert, ergänzt oder neu aufgeführt worden.

Abbildung 47 © R. Rohde.

Eine Antwort auf die Frage, warum sich auf der westlichen wie auf der östlichen Seite der ehemaligen Burgmauer ausgerechnet mittig spätmittelalterliches Mauerwerk mehr oder minder erhalten hat, kann hier nicht geboten werden.

Eine Überlegung wäre die, dass an diesen Bereichen ehemals ein angestelltes Bauwerk befunden haben könnte, welches die dahinter befindliche Mauer zumindest für eine gewisse Zeit vor dem Verfall oder vor Beschuss geschützt haben mag. Die Vorstellung, dass sich hier im 15. Jahrhundert hoch aufgeschüttete „Basteien“ befunden haben könnten, ist so reizvoll wie spekulativ. Doch bei aller Unkenntnis über den Forschungsgegenstand, so sollte unserer Ansicht nach diese Idee nicht ausgeschlossen werden.

Zuletzt soll an dieser Stelle jene Kugel erwähnt werden, welche sich im Treppenhaus des Südtraktes befindet. Es handelt sich hierbei eindeutig um eine Kanonenkugel aus Granitgestein, welche über einen Durchmesser von 40cm verfügt. Sie wurde bei Renovierungsarbeiten in den 90er-Jahren im Schlosshof geborgen, wobei die Fundtiefe uns nicht übermittelt wurde. Ein zweites Exemplar befindet sich in der Wohnung eines Anwohners, welcher sie uns freundlicherweise zeigte. Gestein und Durchmesser der Kugel sind ident mit jener aus dem Treppenhaus. Vermutlich handelt es sich um Mörserkugeln. Eine dritte Steinkugel, welche zu unbekannter Zeit in der hofseitigen Mauer des Westtraktes vermauert worden war, hatte durch den Anwohner gesichert werden können. Es handelt sich um eine Steinkugel mit einem Durchmesser von 12cm und somit um ein Kaliber für mittlere Kanonen wie den damals häufig verwendeten Tarrasbüchsen.

Dieser hier modifizierte Beitrag von Rüdiger Rohde zum Vortrag „Spätmittelalterliche Fortifikationen bei Burganlagen im niederösterreichischen Marchfeld“ war Thema im Rahmen der internationalen Tagung

Marchfeldschlösser
Grenzburgen-Jagdschlösser-Kulturtourismus
15.-17. September 2022, Marchegg, NÖ
(Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) & Stadtgemeinde Marchegg).

1 Die wenigen Reste der mittelalterlichen Mauern deuten auf einen Bau des 14. Jahrhunderts, offenbar an Stelle eines ehemaligen Hofes (Turmhof/Zehenthof oder ähnliches). Siehe hierzu auch: Burgen Weinviertel, von Gerhard Reichhalter und  Karin & Thomas Kühtreiber, hg. von Falko Daim (2005), S. 222-224.