Eppenstein
Eppenstein in Steiermark
Burgruine Eppenstein, Bezirk Murtal, Gemeinde Weißkirchen
Fortifikation: Kanonenwerk
Die Burgruine befindet sich östlich des Kienberges auf einem ins Granitzental teilweise sehr stark abfallenden Grates und dort auf einem sich wie ein Turm steil erhebenden Felsens in Spornlage.
Der Zugang zur Burg erfolgte damals wie heute aus nördlicher Richtung, vorbei an dem ehemaligen Standort des abgekommenen „neuen Schlosses“, dessen Reste sich in einem nun dort befindlichen Bauernhof wiederfinden. Der weitere kurvige Straßenverlauf passiert einen heute als Vordersiedlung bezeichneten Weiler, welcher an seinem Ende in einen Forstweg übergeht, dem damaligen Burgweg.
93 Meter vor dem äußeren Rand des Burgfelsens knickt der Weg an einer natürlichen Engstelle, wo ehemals eine erste Sperre den weiteren Zugang zur Burg verhinderte. Beidseitige Mauerresten deuten auf eine nurmehr abgekommene, offenbar einfache Toranlage. Während sich weitere Mauerreste den Hang hinauf in südwestlicher Richtung zu einem oben befindlichen Schalenturm hinaufziehen, wurde auf der anderen, der nordöstlichen Seite der Weg und das ehemalige Tor durch ein Kanonenrondell gesichert.
Das Rondell wurde in den dort abfallenden Hang gesetzt, so dass sich die beiden unteren Geschosse unterhalb des Weges befinden. Die weiteren, für die Kontrolle des unmittelbaren Vorfeldes notwendigen Geschosse, mutmaßlich eines für leichtes Geschütz und darüber die Plattform für die Schützen, haben sich nicht erhalten.
Bei dem Rondell, welches wahrscheinlich über vier Geschosse verfügte, handelt es um ein hinten offenes Kanonen-Rondell.
Der Innenraum des Bauwerkes besaß unseren Messungen nach einen Durchmesser von 11,5 m. (Diagonal-Messung zwischen den Enden des vorhandenen Mauerwerks; Abweichungen wegen Schuttanhäufungen möglich). Die Mauerstärke beträgt auf allen Seiten genau 3 m.
Die Breite der untersten Kanonenkammern beträgt innen etwa 3,10 m und verjüngt sich nach außen, wobei die Schießfenster immer noch recht groß gehalten sind.
Die Kammern im darüber befindlichen Geschoss sind kleiner dimensioniert. Innen 2,20 m breit und etwa 1,90 hoch (Deckenwölbung) trichtern sich die Kammern zu Schießfenstern, deren untere Hälfte vermauert ist. Offenbar erfolgte die Vermauerung noch während der Errichtung des Rondells, da die Mauer von außen keine Anzeichen einer nachträglichen Schließung aufweist. Die Schießfenster dieses Geschosses weisen (ohne Wölbung) einen Umfang von 0,75 m (Höhe) und 0,60 m (Breite) auf.
Auf einer offenbar künstlich angelegten Geländestufe markiert eine gleichmäßge Kante eine heute abgekommene Befestigung, welche das Rondell mit der äußeren Burgbrücke verband. Diese Kante verläuft parallel und weit unterhalb des Weges zum Burgfelsen. Etwa in der Mitte ist eine rundliche Erhebung deutlich sichtbar, welche halbrund aus der erwähnten Kante herausragt. (Denkbar wäre hier der Standort eines ehemaligen kleinen Schalenturmes oder eine aufgeschüttete Befestigung aus Holz/Erde).
.Die Kernburg soll uns an dieser Stelle samt seiner modifizierten Torbauten nicht interessieren, da unser Augenmerk ausschließlich den äußeren Wehrbauten gilt. Der tiefe Geländeeinschnitt im Bereich des Zugangs zur Kernburg ist einem natürlichen Abbruch des Berggrates geschuldet, welcher sich erst mit dem Schlossfelsen wieder extrem erhöht. Dem gegenüber steigt aus dem Einschnitt der Grat mäßig steil hinauf auf einen Felsen, welcher für eine weitere Vorbefestigung genutzt wurde. Zu diesem Zweck wurde der Fels großzügig abgeschliffen, um ein geräumiges Plateau zu schaffen. Dieses befindet sich rund 90 Meter westlich des Zugangs zur Kernburg und trägt die Ruine eines ehemaligen Kanonenwerkes.
Als unmittelbare Sicherung diente ein zum westlichen Grat hin aus dem Felsen geschlagenen Graben. Der Bau besteht aus zum Teil lagerhaften, stark ausgezwickelten großen und kleinen Bruchsteinen.
An dessen nördlicher Flanke befindet sich eine den weiteren Grat sperrende Mauer sowie ein heute ruinöser Schalenturm, dessen Schießöffnungen offenbar für die Verwendung für Hakenbüchsen oder Armbrüste konzipiert wurden. Dieser Bau wurde in der Vergangenheit ein wenig „saniert“, doch scheint sich in der Mauer ehemals eine Durchgang, eine Pforte, befunden zu haben. Im rückwärtigen Bereich befand sich eine Mauer, welche den Hang hinunter zum oben erwähnten äußeren Tor geführt hatte.
Der aus Süden heranführende Weg zur Burg mündet bei dem Kanonenwerk, an dessen nördlicher Flanke sich ebenfalls eine heute abgekommende Sperre befand. Geringe Mauerreste finden sich beidseitig des Weges. Es ist möglich, dass sich hier ehemals eine einfache Toranlage befunden hat. Die Schießfenster des Kanonenwerkes sind aber auch auf diese Zugangsrichtung ausgelegt.
Bei dem Kanonenwerk handelt es sich um einen stark verkürzten, hinten offenen sog. Hufeisenturm von beachtlichem Ausmaß.
Das Maß in der Längsachse beträgt etwa 19 Meter, jenes in der Querachse etwa 17 Meter innerhalb der gemauerten Struktur.
Die ehemalige Erscheinung der rückwärtigen Seite dieses Bauwerkes ist allerdings unklar. Da nach hinten geöffnet, waren die Flanken mit Mauern und dem erwähnten Schalenturm gesperrt. Zur weiteren Verhinderung eines feindlichen Einstiegs mögen die beiden Flügel des Kanonenwerkes nach hinten hölzern verlängert worden sein, da außerhalb effektiver Belagerungsartillerie befindlich.
Der heutige Zugang in das Kanonenwerk hinein erfolgt bequem aus dem davor befindlichen Graben, ist derzeit aber (wieder) gesperrt.
Unklar bleibt derzeit auch die auf dem LIDAR ersichtliche Aufsockelung am östlichen Ende des Plateaus.
Damals dürfte allerdings der Zugang aus dem Geländeeinschnitt unter dem Burgfelsen von Osten her über einen Steig den Grat hinauf erfolgt sein.
Unklar ist der Grund für die auf dem LIDAR ersichtliche Aufsockelung am östlichen Ende des Plateaus. Die Überlegung, dass sich dort ehemals ein hölzerner und vor Bodennässe geschützter Aufbau befunden haben könnte, um unter anderem den Zutritt abzusichern, ist derzeit spekulativ.
Das Kanonenwerk verfügt über eine Mauerstärke von durchwegs 3 Metern, welche sich am hinteren Ende leicht auf 2,90 m verjüngt. Das auf Bodenniveau des Felsplateaus liegende Erdgeschoss, Deckenhöhe rund 3,20 m, weist fünf Geschützkammern auf, welche auf der Innenseite 3,60 m breit sind. Oberhalb von diesen deuten beidseitige, runde Pfostenlöcher (in 1,70 m Höhe) auf einen ehemaligen Anbau oder Verschlag.
Die Kanonenkammern führen konisch durch die Mauerstärke zu relativ großen, heute beschädigten und ausgebrochenen Schießfenstern.
Der Beschussbereich war aus dem untersten Geschossen eingeschränkt und für die Bestreichung des oberen Grates und Geländes nicht geeignet. Das frontale Schießfenster zeigte nur auf den unmittelbaren Grat oberhalb des Grabens, während jene links und rechts die beiden möglichen Zugänge abdecken konnten. Die beiden hinteren Schießfenster dienten dazu, um aus diesen weit entfernte Ziele aufs Korn nehmen zu können.
Das erste Stockwerk des Kanonenwerkes, welches heute nur noch als ausgefranster Mauerrest existiert, besaß anscheinend ebenfalls fünf Schießfenster, welche gegenüber jenen im Erdgeschoß versetzt zu diesen angelegt sind.
Der Kupferstich von Georg Matthäus Vischer, publiziert 1681, zeigt in einem aus nördlicher Richtung aufgenommenen, phantasievollen Landschaftsgefüge zwischen der Burgruine und dem „neuen Schloss“ einen großen, rundlichen Wehrbau mit Zinnenbekrönung. Hierbei dürfte es sich um das den Zugang sichernden Rondells handeln, welches seinerzeit noch intakt gewesen zu sein scheint. Dagegen fehlt auf dem Stich die gesamte obere Geländestufe samt dem Kanonenwerk und dem Schalenturm.
Der Landschaftsmaler Carl Reichert publizierte 1864 zu Eppenstein eine Lithografie, welche neben dem Rondell auch das Kanonenwerk auf einer höheren Geländestufe zeigte. Dessen Baukörper scheint zu dieser Zeit großteils erhalten gewesen zu sein, es zeigt gar auf einer Seite noch eine Zinnenbekrönung.
Das Kanonenwerk wurde errichtet, um primär die östlich befindliche Burg nach Westen hin abzusichern, wo sich oberhalb des ansteigenden Berggrates der einzige Raum findet, von dem aus potentielle Angreifer mit Belagerungsartillerie hätten eine Bedrohung darstellen konnten.
Um eine wirksame Funktionalität des Kanonenwerkes zu gewährleisten, sollte dieses in der Lage gewesen sein, die mögliche Stellung von Belagerern im erhöhten Gegenhang mit eigenem Geschütz bestreichen zu können. Dies wiederum bedingt eine entsprechende Höhe der Baulichkeit, um diese potentielle Belagerungsposition im direkten Beschuss erreichen. Den vorhandenen Messdaten nach sollte das Kanonenwerk somit eine Höhe von etwa 25 Metern besessen haben1, um vom obersten Stockwerk aus auf einen Angreifer einwirken zu können2.
1Messdaten nach Höhenangaben aus „Digitaler Atlas“, GPS-Daten sowie Drohnenflug-Daten; Messpunkt ab Boden des Felsplateaus/Kanonenwerk; Wert unter Berücksichtigung veränderter Gegebenheiten hier als Schätzwert.
2Das oberste Geschoss, häufig nur als Plattform für die Schützen (Armbrust, Hakenbüchse) verwendet, müsste demnach mit wenigstens einer Kanone bewaffnet gewesen sein. Um diese wiederum vor Witterung zu schützen oder bei Regen funktionsbereit zu halten, wäre eine Überdachung nachvollziehbar. Nichts von dem lässt sich allerdings mangels Bausubstanz nachweisen.
Erdwerke auf dem Gegenhang.
Oberhalb des Grates finden sich die Reste einer Erdwerk-Anlage, welche eindeutig als Belagerungswerk verwendet wurde. Leider wurde dieses in der Vergangenheit durch den Bau einer Forststraße sowie weiteren rezenten Eingriffen teilweise zerstört.
Das Erdwerk besteht heute im Kern aus einer durch einen Graben aus dem Gelände geschnittenen, weitgehend rechteckigen Fläche und war von weiteren Gräben umgeben. Einige dieser verflachten und eher drumherum rundlich angelegten Grabenreste sind im Gelände noch auffindbar. Die Gesamtfläche dieser Anlage betrug etwa 53x37x47x39 m, wobei diese Angabe aufgrund der vorhandenen Zerstörungen hier unter Vorbehalt genannt werden muss.
Mit dem Aushubmaterial der Gräben wurde das eher flache, herausgeformte Plateau mit einer wallartigen Aufschüttung umgeben.
Dieses Erdwerk ist trotz seiner teilweisen Zerstörung insofern bemerkenswert, weil dieses einer Zeitstellung zuzuordnen ist, in welchem eine feldmäßig errichtete Anlage unter dem Eindruck des Geschützwesens entstand: ein Belagerungswerk, welches – mit der gebotenen Vorsicht – auf ein erhöhtes Plateau verzichtete und stattdessen eine mit tiefen Gräben herausgeschnittene Fläche massiv umwallte und vor Kanonenbeschuss weitgehend unempfindlich machte. Es handelt sich bei diesem Belagerungswerk augenscheinlich um das feldmäßige Gegenstück zum vorgeschobenen Kanonenwerk der Burg Eppenstein.
Südlich des Belagerungswerkes finden sich in der Nähe zwei Geländeeinschnitte, welche nicht dem Abfall des Hanges folgen und bei denen es sich möglicherweise ebenfalls um die Reste von künstlichen Gräben handelt, welche an den Enden über heute keine ersichtliche Anbindung verfügen. Dennoch kann es sich hier um die Spuren von weiteren ehemaligen und nach Süden gerichteten Annäherungshindernissen handeln. Auffallend ist hier, dass sich zumindest deren westlichen Ende einem weiteren Graben auf rund 25 Meter zumindest annähert, welcher als letzter Ausläufer eines weiteren Erdwerkes auszumachen ist.
Dieses zweite Erdwerk befindet sich südsüdwestlich etwa 150 Meter vom Belagerungswerk entfernt innerhalb eines lokal abgeflachten Raumes auf einem erhöhten Punkt. Es handelt sich um ein aus dem Gelände geschnittenes, offenbar künstlich erhöhtes nahezu viereckiges Plateau in den Maßen von rund 20x22x21x18 Metern. Während dessen östliche Rückseite gegen einen Abhang gestellt ist, sind die übrigen drei Seiten von einem Graben umgeben.
Dieses Kernwerk wurden von einem zweiten Graben gesichert, dessen innerer Rand noch die Reste einer Aufböschung erkennen lässt. Bemerkenswert ist hier eine bastionäre Ausformung an der Südwestecke, welche dem 15. Jahrhundert zuzuordnen ist. An der Nordostecke ist eine derartige Struktur nicht zu erkennen, auch wenn der zweite Graben hier ein wenig auszuholen scheint. Dieser umschließt nicht die Nordseite des Erdwerkes, sondern verläuft nach Nordnordwest in Richtung des Belagerungswerkes bzw. dessen westlichem Vorfeld.
Dieses Erdwerk ist aufgrund seiner Situierung und Ausrichtung als ein Vorwerk zur Burg anzusprechen. Doch scheint es im späteren 15. Jahrhundert eine Erweiterung erfahren zu haben, worauf die bastionäre Ausformung an der südwestlichen Ecke hindeutet. Derartige Bauelemente sind zeittypisch für Standorte einer Kanone. Hinsichtlich der Kampfhandlungen um Eppenstein 1484/85 wurde offenbar das Vorwerk, sollte dieses bereits zuvor bestanden haben, von den Belagerern als Deckungswerk für das oben besprochene Belagerungswerk adaptiert, um dieses vor möglichen Entsatztruppen (aus südlicher und westlicher Richtung) zu schützen.
Eine weitere, heute eher unauffällige Stellung von Belagerern findet sich rund 105 m südwestlich des Vorwerkes/Deckungswerkes (und 210 m südl. des Belagerungswerkes) auf einer nach Osten aus dem Hang herausgeschobenen Felszunge.
Der innere Bereich weist eine Einmuldung auf. Der Aushub wurde vor allem in Richtung Burg aufgeschüttet, um eine Deckung gegen Beschuss zu errichten.
Tatsächlich würde während einer Belagerungssituation an dieser Position die Platzierung einer Schützengruppe einen militärischen Sinn ergeben. Nach hinten durch das Vorwerk gedeckt, hätten von dort aus – vor allem von dort aus – die Schützen den südlichen wie auch den westlichen Hang bis nahe dem Burgfelsen samt dem aufsteigenden Weg im Schussfeld gehabt.
Historischer Kontext.
Wir haben das Glück, dass mit der Chronik von Jakob Unrest eine zeitgenössische Quelle existiert, welche zur Zeit der Kriegszustände zwischen König Matthias von Ungarn und Kaiser Friedrich III. hinsichtlich Eppenstein wichtige Informationen bietet1.
Die landesfürstliche Burg Eppenstein befand sich unter der Pflegschaft von Georg (Jörg) von Teufenbach, als diese 1483 – ein genaueres Datum hat sich nicht überliefert – von einer ungarischen Truppe unter dem Kommando des Söldners Königsfelder überfallen wurde. Königsfelder war nach Unrest ehemals in kaiserlichen Diensten gestanden und hatte dann die Seiten gewechselt. Die Einnahme der offenbar zu diesem Zeitpunkt auf einen Kriegsakt nicht vorbereiteten Burg gelang dank einer heimlichen Ersteigung, in deren Verlauf auch der Pfleger Teufenbach von dem Königsfelder gefangen genommen wurde.
Landesfürstliche Truppen unternahmen (anscheinend) erst 1484 den Versuch, die Burg zurück in kaiserliche Hände zu bekommen. Unrest nennt als Zeitpunkt den Beginn der Belagerung „nach Pfingsten“, also nach dem 6. Juni. Als Kommandant scheint der Hauptmann Wolfsdorf2 auf, der allerdings erkannt haben soll, dass die Burg Eppenstein „ohne größere Arbeit nicht zu nötigen“ sei. Die landesfürstlichen Belagerer sollen zwei „Basteien“ errichtet haben, die eine oberhalb der Burg, die andere zu Weißkirchen und somit im Tal. Diese beiden Stützpunkte wären mit Kriegsvolk besetzt worden, hätten aber weiter nichts ausrichten können, weswegen die Belagerung den ganzen Sommer angedauert habe, so Unrest.
Am 22. August 1484 hätten sich ungarische Truppen aus ihren Stützpunkten in Kärnten versammelt und wären mit 400 Berittenen und 200 Fußknechten nach Eppenstein gezogen, um die Burg zu speisen, d. h. zu versorgen. Dies habe durch die landesfürstlichen Besatzungen in den „Basteien“ nicht verhindert werden können. Hauptmann Wolfsdorfer habe sich gerade auf einem Unternehmen gegen die Ungarischen im Raum Murau befunden, sei dann aber nach Judenburg zurückgekehrt und anschließend mit 500 Fußknechten und 200 Berittenen nach Eppenstein marschiert. Es wäre ihm gelungen, den in südliche Richtung abziehenden ungarischen Verband noch vor der Ortschaft Obdach zu stellen und zu einem Kampf zu zwingen. Wolfsdorfer habe die Oberhand behalten, nicht zuletzt aufgrund seiner zahlreichen Büchsenschützen, wie es heißt. Dies habe nach Meinung des Chronisten den Unterschied ausgemacht, da diese Schützen auf ungarischer Seite besonders unter den Pferden große Verluste verursacht hätten. Wolfsdorfers Truppe habe 81 Gefangene eingebracht, unter ihnen Persönlichkeiten wie der junge Christoph von Liechtenstein und Andreas von Weißpriach, die sich ebenfalls früher in kaiserlichen Diensten befunden hatten.
Unrest berichtet, dass zum 25. November 1484 hin von ungarischer Seite eine weitere Speisung der Burg Eppenstein durchgeführt wurde. Deren Truppen hätten sich in St. Leonhard im Lavanttal versammelt und wären weitaus umfangreicher und kampfkräftiger gewesen als jene Truppe drei Monate zuvor. Zusätzlich verstärkt durch eine aus „Rätzen“3, „Türken“4 und „Husaren“5 bestehende leichte Reiterei wären die Ungarn nach Eppenstein gezogen, wo sich der kaiserliche Hauptmann Wolfsdorfer mit seinen Leuten versammelt und zudem die um Judenburg ansässige Bauernschaft hinzugezogen habe. Unterstützung habe er von dem Bischof von Seckau6 erhalten, welcher mit einem bäuerlichen Aufgebot hätte den Berg (bei der Burg) besetzen wollen. Dieser habe auf dem Berg allerdings feststellen müssen, dass die feindlichen „Rätzen“ bereits vor ihm den anvisierten Raum erreicht hatten. Der Bischof habe daraufhin versucht, sich wieder ins Tal zurückzuziehen, wäre aber mit seinen Leuten von den „Rätzen“, „Türken“ und „Husaren“ in die Zange genommen worden. Er sei mit 400 seiner bäuerlichen Holden gefangen, über 100 von ihnen dagegen erschlagen worden.
Nach diesem desaströsen Ereignis soll Hauptmann Wolfsdorfer mit seiner Truppe nicht mehr gegen die Ungarn angetreten sein. An Kampfstärke unterlegen und auch in taktischer Hinsicht benachteiligt, dürfte er die Lage realistisch eingeschätzt haben, auch wenn Unrest schreibt, dass der Wolfsdorfer zu krank gewesen sei. Den Ungarn gelang es, die Burg erneut zu versorgen, doch berichtet Unrest, dass alles (an Proviant, Munition, sonstiger Bedarf) habe mit dem Rücken hinaufgetragen werden müssen, da „etliche Basteien“ das Führen auf Pferd und Wagen verunmöglicht hätten.
1Jakob Unrest, Österreichische Chronik; hg. von Karl Grossmann (MGH 11), Weimar 1957.
2Georg Wolframsdorfer?
3„Rätzen“ = Retzen, Reussen = leichte Reiterei aus nordosteuropäischen, aus Sicht der katholischen Kirche (ehemals) „heidnischen“ Gebieten.
4„Türken“ = aus dem osmanischem Einflußgebiet stammende leichte Reiterei, häufig ehemalige Kriegsgefangene.
5„Husaren“ = leichte ungarische Reiterei, ursprünglich per landesfürstliches Dekret zur Landesverteidigung (gegen Osmanen) ausgehobenes Kriegsvolk
6Matthias Scheit.
Resümee.
Die Errichtung des Kanonenwerkes (sowie dem etwa zeitgleichen Schalenturm und dem Rondell) von Eppenstein hat sich in keiner uns bekannten Quelle überliefert, womit der Zeitpunkt als unbekannt festzustellen ist. Der Bau findet auch in der Chronik von Jakob Unrest keinerlei Erwähnung.
Die noch vorhandene Bausubstanz – Mauerwerk aus großen und kleinen Bruchsteinen, ausgezwickelt, nur stellenweise lagerhaft aufgeführt, Schießfenster statt Scharten – lässt das Bauwerk mit Vorsicht in das vierte Viertel des 15. Jahrhunderts datieren. Wir wissen aber nicht, ob das Kanonenwerk bereits während der von Unrest geschilderten Ereignisse 1483/84 existierte.
Der Fortgang der Ereignisse um Eppenstein nach 1484 liegt im Dunkeln. Der Kriegszustand hatte angedauert, doch ist die Gesamtdauer der damaligen Belagerung durch kaiserliche, landesfürstliche Truppen unbekannt. Die Burg soll sich angeblich bis 1490 in der Hand des Ungarnkönigs befunden haben, ein Umstand, der kaum ohne weitere Konflikte geblieben sein kann. Es kann die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass der ungarische König Matthias während Waffenstillständen den Ausbau der Vorbefestigung massiv betrieben haben könnte, um diesen strategisch wichtigen Platz als Festung auszubauen. Dies hätte gewaltige Kapazitäten und Mittel erfordert, während aufgrund der exponierten Lage für die ungarische Besatzung ein logistisches Sicherheitsproblem bestehen geblieben wäre.
Die Möglichkeit, dass 1483/84 das Kanonenwerk noch nicht bestanden haben könnte, führt zu der Frage, welche Bauwerke und Verteidigungsanlagen an seiner Stelle existiert haben könnten. Zu denken wäre hier beispielsweise an eine aufgeschüttete, zeitgenössische „Bastei“ auf dem Standort des Kanonenwerkes, deren Kampfwert allerdings aufgrund der zu geringen Höhe kaum befriedigend gewesen sein kann.
Da diese Überlegungen spekulativ sind, bleiben letztlich nur noch Munitionsfunde für eine Indizienlage. Fest steht, dass das Belagerungswerk von der Burg her massiv mit Handfeuerwaffen (Hakenbüchse, Armbrust) beschossen wurde. Dies kann damals durchaus aus Fenstern des auf dem Felskopf befindlichen spätromanischen Baus erfolgt sein, da von dort aus die Stellung der Belagerer hätte erreicht werden können. Anders verhält es sich mit dem Beschuss durch eine Kanone, für welche eine geeignete Plattform existiert haben muss. Das führt uns zu der Frage, ob das Kanonenwerk nicht doch 1484 bestanden haben könnte. Aber selbst der Fund einer Kanonenkugel am östlichen, der Burg zugewandten Seite des Belagerungswerkes gibt hier keinen entgültigen Aufschluss. Diese könnte auch zu einem späteren Zeitpunkt verschossen worden sein.
Auf Seiten der landesfürstlichen/kaiserlichen Belagerer kamen jedenfalls Kanonen zum Einsatz. Unrest erwähnt in seiner Chronik zuerst eine „Bastei“ oberhalb der Burg, welche identisch ist mit dem hier genannten Belagerungswerk. Der Begriff „Bastei“ definierte im 15. Jahrhundert durchwegs eine Plattform bzw. Stellung für Geschütze. Für November 1484 erwähnt Unrest die Existenz etlicher (kaiserlicher) „Basteien“, was offenbar auch das Vorwerk/Deckungswerk miteinbezog. Deren bastionäre Struktur deutet auf eine Stellung für eine Kanone hin, womit der Begriff „Bastei“ auch hier einen Sinn ergibt.
Die Verschanzungen der Belagerer müssen gut ausgebaut gewesen sein, um eine sichere Position der Kaiserlichen zu gewährleisten. Deswegen habe die Speisung der Burg, so der Chronist weiter, nur zu Fuß über den steilen Aufstieg durchgeführt werden können. Die Bemerkung von Unrest, dass eine Versorgung der Burg durch ungarische Entsatztruppen weder zu Pferd noch mit Wagen möglich gewesen wäre, lässt erahnen, welche Räume die Belagerer besetzt gehalten haben und welche Räume von ihren Waffen hatten bestrichen werden können. Somit erfährt beispielsweise die oben angeführte Stellung auf der Felszunge bei Besetzung eben dieser Position seine Nachvollziehbarkeit.
Text: Rüdiger Rohde, 2025.
Fotos: Rüdiger Rohde
Drohnen-Fotos: Tom Benisek, Rüdiger Rohde
Stich: Georg Matthäus Vischer, Topographia Ducatus Stiriae, Graz 1681
Lithografie: Carl Reichert, „Einst und jetzt“, Band 2, Selbstverlag Graz 1864
LIDAR: Digitaler Atlas Steiermark, Amt der Steiermärkischen Landesregierung
Vermessung: Günther Lazarus
Mitarbeit: David Stickler, Dieter Schelle, Martin Fussek