2028 wird sich die Entscheidungsschlacht zwischen dem römisch-deutschen König Rudolf I. von Habsburg und dem König von Böhmen Ottokar II. von Přemysl zum 750. Male jähren. Es wird eines Konflikts gedacht werden, welcher am 26. August 1278 auf dem Marchfeld mit seinem Höhepunkt gleichzeitig sein blutiges Ende fand und die Machtverhältnisse in Mitteleuropa neu ordnen ließ. Für die österreichischen Länder bedeutete dies unter anderem, dass fortan – bis 1918 – ihre Geschicke von habsburgischen Fürsten bestimmt wurden.
Unser Interesse gilt hier ausschließlich der erwähnten Schlacht, deren Rekonstruktion sich als bislang unmöglich dargestellt hat. Diese kann auch von uns nicht vorgenommen werden, doch hoffen wir, mit neuen Überlegungen, bisher nicht beachteten Aspekten sowie landschaftsarchäologischen Erkenntnissen einen neuen Forschungsansatz anstoßen zu können.
Im Rahmen dessen möchten wir uns nur auf drei wesentliche Aufsätze zu diesem Thema beziehen, jenem von Arnold Busson aus dem Jahre 1880/811, jenem von Ferdinand Stöller von 19312 sowie jenem von Andreas Kusternig von 1978/79.3 Besonders die Interpretationen und Rückschlüsse von Kusternig über den hypothetischen Verlauf der damaligen Schlacht dienten als Orientierungshilfe für das Team des Ludwig Boltzmann Institutes für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie.4
Eine im Sommer 2021 durchgeführte Prospektionskampagne hatte zum Ziel, neue Erkenntnisse über das vermutete ehemalige Schlachtfeld zu gewinnen. Man hoffte auf die Lokalisierung von im Boden befindliche Strukturen, welche auf Reste von Lagern, auf leichte Feldbefestigungen und vor allem auf die Gruben von Massengräbern hindeuten könnten. Da die Schlacht von 1278 tausende Tote hinterlassen haben soll, erschien dieses Vorhaben vielversprechend.
Die am 6. Januar 2022 im ORF ausgestrahlte Dokumentation über die Schlacht von 1278 machte die archäologischen Bemühungen einem größeren Publikum bekannt.5 Hinsichtlich möglicher Massengräber wurde eine Verdachtsfläche mit den Strukturen zweier Gruben östlich der Ortschaft Drösing entdeckt, doch erfolgte bislang keine archäologische Grabung, so dass eine konkrete Befundung ausständig ist.6 Des Weiteren ergaben die Prospektionen keinerlei Anhaltspunkte, welche auf ein ehemaliges Schlachtfeld hätten deuten können.
Lässt sich das Schlachtgeschehen anhand der Quellen rekonstruieren?
Andreas Kusternig war wie bereits vor ihm Arnold Busson mit dem bekannten Problem konfrontiert worden, dass sich die uns überkommenen zeitgenössischen Quellen in ihrer Fragmentierung als zu lückenhaft, zu tendenziös, zu widersprüchlich und letztlich als zu mangelhaft erwiesen. Innerhalb einer vergleichenden Bewertung schien es unmöglich, aus den spärlichen, vielfach unsicheren, nicht immer in einem zusammenhängenden Kontext stehenden Informationen den Verlauf einer Schlacht zu rekonstruieren.
Stöller hatte aus den vorhandenen Quellen einen hypothetischen Verlauf erstellt, welcher von Kusternig unter Verweis auf seine Schwächen7 weitgehend übernommen wurde. Stöller wie Kusternig hatten ihren Aufsätzen zur Veranschaulichung weitgehend identische Skizzen zur Schlacht beigefügt, welche leicht verändert auch in der nachfolgenden Literatur Verwendung fanden.8
Unstrittig ist das Ergebnis der Schlacht am 26. August 1278, welche mit einer für den böhmischen König Ottokar desaströsen Niederlage endete undseinem Leben ein Ende setzte. König Rudolf hatte am folgenden Tag über die Vernichtung des böhmischen Heeres mit zahllosen Toten, Verwundeten, Gefangenen, Ertrunkenen und Flüchtenden berichten können.9
Doch entsprechen die früheren Interpretationen und Rückschlüsse der Forschung über die Schlacht, welche heute einen Bestandteil der „etablierten Erzählung“ bilden, einer gewissen Wahrscheinlichkeit oder eher nicht? Ereignete sich das zentrale Schlachtgeschehen in der Niederung zwischen Dürnkrut und Jedenspeigen, wo dieses bislang verortet wurde? Neue Erkenntnisse stellen den vermeintlichen Schauplatz in Frage.
1 Arnold Busson, Der Krieg von 1278 und die Schlacht von Dürnkrut. In: Archiv für Österreichische Geschichte 62 (1880/81) 1–145.
2 Ferdinand Stöller, Der Kampf um die südostdeutschen Herzogtümer 1276–1278. In: JbVLKNÖ 11 (1931) 1–52.
3 Andreas Kusternig, Probleme um die Kämpfe zwischen Rudolf und Ottokar und die Schlacht bei Dürnkrut und Jedenspeigen am 26. August 1278. In: JbLKNÖ 44/45 (1978/79) 226–311.
4 Die geophysikalische Prospektion 2021 wurde unter der Leitung von Dr. Wolfgang Neubauer und Mag. David Russ durchgeführt. Das Ludwig Boltzmann Institut ArchPro wurde allerdings Anfang 2024 aufgelöst.
5 Universum History: Der Aufstieg der Habsburger – Schlacht am Marchfeld (ORF 2), online: https://science.orf.at/stories/3210776.
6 Die beiden Gruben in einer Größe von jeweils 50 m2 wurden im Bereich der Wüstung des alten Dorfes Drösing lokalisiert. Sie befinden sich nahe der ehemaligen Kirche, deren Überreste bei einer archäologischen Grabung 2009 untersucht wurden. Vgl. Claudia Theune, Iris Winkelbauer, Michaela Fritzl, Isabella Greußing, Gerald Lantschik u. Ronny Weßling, Das Land an der March im Mittelalter. In: Archaeologia Austriaca 93 (2011) 83–85.
7 Kusternig, Probleme um die Kämpfe (wie Anm. 3), 262, stellte nachdrücklich den hypothetischen Charakter der Schlachtrekonstruktion heraus, sah aber in den Ausführungen Stöllers eine „gewisse innere Wahrscheinlichkeit“.
8 Jörg Hoensch, Přemysl Otakar II. von Böhmen. Der goldene König (Graz 1989), Anhang, ohne Pag. Vgl. dazu auch die Gefechtsskizze in Kurt Peball, Die Schlacht bei Dürnkrut am 26. August 1278 = Militärhistorische Schriftenreihe 10 (Wien 1968) 25 sowie bei Karl Östreicher, Tausend Jahre Jedenspeigen (Hollabrunn 1978) 19. In älteren Werken zum Schlachtgeschehen findet sich u. a. ein „Plan der Schlacht bei Dürnkrut“ aus dem Jahr 1839: Joseph Häusler, Erinnerung an die Schlachten im Marchfelde. In: Kurze Darstellung der nächsten Umgebungen der Kaiser Ferdinand‘s Nordbahn zwischen Wien und Brünn, nebst geschichtlichen Andeutungen über dieselben (Ort Jahr) 33–55. Der Plan zum Schlachtgeschehen findet sich ohne Paginierung zwischen den Seiten 46 und 47. Hier wird ein „Neuer Lauf der March“ direkt durch das Schlachtfeld skizziert, während ein „Alter Lauf der March“ extrem weit östlich, fast direkt am slowakischen Gajary verzeichnet wird, was unrealistisch ist. Vgl. hier den Abschnitt „Die Landschaft um Dürnkrut und Jedenspeigen 1278“. Janko griff hingegen zur Illustration seiner Schlachtendarstellung auf einen Ausschnitt der Niederösterreich-Karte von Georg Matthäus Vischer von 1670 zurück, ohne hier selbst seine Interpretation des Schlachtablaufs einzuzeichnen. Diese zeigt eine damals extreme Einengung des Kruterfeldes nördlich von Dürnkrut durch den dortigen Auwald. Vgl. Wilhelm von Janko, Rudolf von Habsburg und die Schlacht bei Dürnkrut auf dem Marchfelde. Zur 600jährigen Gedenkfeier des 26. August 1278 (Wien 1878) Karte im Anhang nach S. 69 ohne Pag. Siehe unten, S. 4, Schlachtskizze: Situation der Schlacht gemäß der bisherigen Forschung.
9 Franz Joseph Bodmann, Codex Epistolaris Rudolfi I. Rom. reg epistolas CCXXX anecdotas necrotas continens (Leipzig 1806) 91–93, Nr. 82.