Der Burgstall von Grafenweiden, in zeitgenössischen Quellen gleichzeitig auch als Niederweiden bezeichnet, befindet sich in einem Waldstück östlich des zwischen 1693 und 1701 errichteten barocken Jagdschlosses Niederweiden in der Katastralgemeinde Engelhartstetten im südlichen Marchfeld1.
Die Reste der hausbergartigen Burganlage sind am östlichen Ende einer bemerkenswerten Ortswüstung situiert. Dieser Ort war ehemals befestigt und von einer doppelten Graben-Wall-Anlage umgürtet, welche streckenweise noch heute, wenn auch stark verschliffen, zu erkennen ist. Das Areal wurde in der späten Barockzeit zu einem Garten umgestaltet2. Nördlich der in der Mittelachse angelegten Lindenallee befand sich ehemals der Fasan-, südlich der Lustgarten, was einige Überformungen und Zerstörungen der mittelalterlichen Strukturen nach sich gezogen haben dürfte. Heute ist der gesamte Bereich abseits der Allee und einiger Feldwege von einem jungen Wald überwuchert.
Das pyramidenstumpfförmige Kernwerk der ehemaligen Burg erreicht heute noch eine Höhe von etwa vier Metern. Das unregelmäßige und an den Rändern ausgebrochen wirkende Plateau misst ungefähr 20×27 Meter und ist bedeckt mit Mauertrümmern.
Die auf dem LIDAR kenntlichen Strukturen legen allerdings nahe, dass das zentrale Kernwerk ehemals größer gewesen sein dürfte und das heutige „Plateau“ das Resultat einer Anhäufung von Schutt darstellt. Den Strukturen nach lässt die ehemalige Kernburg einen Umfang von etwa 32x28x31x33 Meter (Fläche: rund 1.000 qm) einnehmen, wobei die Trümmer der damaligen Massivbebauung auf der östlichen und der südlichen Seite zu verorten sind.
Um diesen Kern herum ist eine niedere Geländestufe herausgearbeitet, welche wohl als eine ehemalige Zwingerbefestigung rekonstruiert werden dürfte. An den Ecken weist das LIDAR leichte Erhebungen aus, welche auch vor Ort noch schwach zu erkennen sind. Jene beiden auf der nördlichen Seite sind etwas in östliche Richtung verschoben, letztere anscheinend zudem ohne Anbindung, während die Erhebung an der südöstlichen Ecke den Eckpunkt weitgehend genau markiert. Hier lassen sich im Boden die Reste kleiner Türmchen der Zwingerbefestigung vermuten, deren Existenz nur auf archäologischem Wege nachgewiesen werden kann. An der südwestlichen Ecke ist dagegen oberflächlich eine kleines, eher eckiges niedriges Plateau festzustellen.
Einschließlich der mutmaßlichen Zwingerbefestigung kann die ehemalige Burg mit einem Umfang von rund 49x35x50x51 Meter angenommen werden. Diese Anlage wurde von einem heute nur noch teilweise kenntlichen 15-20 Meter breiten Graben umgeben. Heute vollkommen verflacht und weitgehend trocken hat sich auf der westlichen Seite ein etwas tieferer Bereich erhalten, in welchem sich ein morastiger Tümpel befindet.
Außerhalb des ehemaligen Burggrabens sind die Reste einer Umwallung vorhanden, welche die Burganlage ehemals gänzlich umschlossen hatte. Der Wallkörper in seiner Konstruktion als Erdwerk zeigt sich auf der östlichen und großteils auf der südlichen Seite erhalten, auf den weiteren Seiten allerdings in weiten Bereichen zerstört und eingeebnet.
Diesem war wiederum ein Graben vorgelegt, welcher sich verschliffen auf der östlichen Seite erhalten hat. An den übrigen Seiten lassen sich stellenweise nur noch schwache Konturen des ehemaligen Grabenverlaufs ausmachen.
Wir haben es eindeutig mit dem Rest einer in den Deckungswall integrierten (Erd-)Bastion zu tun, dessen Pendant sich an der südwestlichen Ecke, wenn auch heute durch die Walldurchbrüche isoliert wirkend, wiederfindet.
Während vor Ort bastionäre Ausformungen an den nördlichen Ecken aufgrund gänzlicher Zerstörung nicht mehr auszumachen sind, so liefert die Skizze von Schad’n eine rundliche Wallausformung auch in der nordwestlichen Ecke. Die nördöstliche Ecke wurde dagegen als weitgehend eingeebnet skizziert, doch immerhin noch mit der Andeutung einer ehemals existierenden Ausformung.
Wir können konstatieren, dass die Burg Niederweiden damals aufgrund der steigenden Effektivität von Belagerungsartillerie als spätmittelalterliche Fortifikation einen freistehenden und geschlossenen Deckungswall als Erde-Holz-Konstruktion erhalten hatte, welcher an den Ecken bastionäre Ausformungen besaß, um mit dort aufgestelltem Geschütz auch aktiv verteidigen zu können.
Heute im Gelände – von einer kleinen Erhebung abgesehen – nicht mehr nachvollziehbar, zeichnete Schad’n an der Südwestecke eine größere nach außen gehende Schleife eines möglicherweise erst sekundär erweiterten Walles, welches dort einen Raum außerhalb des Grabens umschlossen zu haben scheint. Ob wir es hier mit den letzten Spuren einer ehemals besonders gesicherten Zugangssituation zu tun haben, muss ohne eine archäologische Untersuchung offen bleiben.
Baumaßen an der Burg Grafenweiden/Niederweiden haben sich nicht überliefert. Es ist somit unklar, welches Jahrzehnt als frühester Zeitpunkt für die Errichtung der Wallanlage in Erwägung gezogen werden kann. Weitere Fortifikationen lassen sich oberflächlich nicht feststellen. Das Ende der Burg wirkt daher greifbarer, doch ist die durch den Chronisten Thomas Ebendorfer vermeldete Zerstörung im Jahre 1450 insofern nicht korrekt, weil zwischen 1466 und 1471 der Ritter Georg von Moschenau als auf Niederweiden ansässig erwähnt wird. Erst anschließend versiegen für das 15. Jahrhundert die Nachrichten über diesen Sitz.
Wir sind über den konkreten Ablauf der Belagerung von Niederweiden im Jahre 1450 nicht informiert, weil sich keine zeitgenössischen Berichte erhalten haben. Wir wissen somit nichts über mögliche Zerstörungen und nichts darüber, ob es zu diesen überhaupt gekommen sein mag. Die Übergabe der Burg kann nach einigen Wochen der Belagerung wegen Aussichtslosigkeit auf Verhandlungswege erfolgt sein; eine Möglichkeit, die sich übrigens durchaus häufig ereignete. Das tatsächliche Ende von Niederweiden ist nicht überliefert und es steht außer Frage, dass die folgenden Jahrzehnte reichlich weitere Anlässe dafür geboten hätten.
1437 kam Leonhard von Arberg in den Besitz der Herrschaft Grafenweiden/Niederweiden, einem landesfürstlichen Lehen. Ab Ende 1439 war er wie zahlreiche weitere regionale Adelige jahrelang in den Konflikten auf beiden Seiten der March zu finden. 1448 allerdings häuften sich die Beschwerden gegen den Arberger, dessen Fehdehandlungen zu diesem Zeitpunkt offenbar als außerhalb des Fehderechts befindlich beurteilt wurden. Zwar ist in weiterer Folge weder ein Verfahren noch ein Urteil gegen Leonhard von Arberg überliefert, wohl aber eine daraus resultierende Strafexpedition seitens der österreichischen Stände. Deren Truppen belagerte Grafenweiden/Niederweiden ab März 1449, bis der Adelige aufgeben musste.
Die Herrschaft wurde im Juni 1449 von dem vor Ort anwesenden Hubmeister Sigmund von Ebersdorf dem landesfürstlichen Kammergut zugeschlagen. Tibolt Seebeck wurde als landesfürstlicher Pfleger bestellt. Allerdings konnte die Burg bereits im Juli von einem Bruder des oberungarischen (heute: slowakischen) Landherren Pankraz von Szent Miklos überrumpelt und besetzt werden. Als deren Kommandant scheint anschließend der mährische Ritter Ledwenko von Ruchenau auf, einer der Hauptmänner von Pankraz. Ständische Truppen rückten im Oktober 1449 erneut vor Niederweiden, doch wurde diese Belagerung offenbar mit zu geringen Mitteln durchgeführt und musste schließlich abgebrochen werden. Erst während eines großen Heerzuges der Österreicher im Sommer 1450 gegen Pankraz von Szent Miklos und dessen Stützpunkte konnte auch Niederweiden durch Truppen der österreichischen Stände zurückgewonnen werden4.
Wie oben bereits angemerkt, so ist der konkrete Vorgang der erneuten Belagerung von Grafenweiden/Niederweiden nicht überliefert. Eines ist aber gewiss: die Herrschaft wurde abermals dem landesfürstlichen Kammergut überstellt, welchem nach wie vor Sigmund von Ebersdorf vorstand. Dessen persönliche Anwesenheit ist für den Sommer 1450 in Ermangelung an Quellen nicht belegt, aber allein aufgrund seines Amtes wahrscheinlich.
Wir wissen nicht, was der Ebersdorfer beobachtet oder entdeckt haben könnte. Doch besitzen wir Kenntnis über eine spätere Geschäftsbeziehung zwischen den Ebersdorfern und dem Hauptmann Ledwenko, welcher Niederweiden 1449/1450 ein knappes Jahr besetzt gehalten hatte. Ein Papier aus dem Wiener Stadtrat vom Mai 1454 berichtet, dass Ledwenko „zuvor“ – ein genauer Zeitpunkt wird nicht angegeben – die Funktion eines Konstrukteurs („Anweiser“) bekleidet hatte, um bei dem beabsichtigten Ausbau der im Besitz der Ebersdorfer befindlichen Burg Parz5 anzuleiten. Die Zuständigkeit Ledwenkos bezog sich ausdrücklich auf die Anlage von Gräben und „Basteien“, also auf die Herstellung von zeitgemäßen Außenbefestigungen.
Es ist offenkundig, dass die Ebersdorfer6 der Expertise des Söldner-Hauptmanns Ledwenko vertraut hatten. Hier scheint zudem die Vermutung nicht abwegig, dass diesem Vertrauen eine persönliche Wahrnehmung vor Grafenweiden/Niederweiden vorausgegangen sein könnte. Vielleicht war Sigmund von Ebersdorfer 1450 von dem Deckungswall mit den bastionären Ausformungen an den Ecken, den er im Frühjahr 1449 dort noch nicht vorgefunden haben mag, und dessen Effektivität beeindruckt gewesen. Beeindruckt genug, um Ledwenko später als Architekten mit dem Ausbau der äußeren Befestigung seiner Burg Parz zu betrauen.
Dieser Beitrag von Rüdiger Rohde zum Vortrag „Spätmittelalterliche Fortifikationen bei Burganlagen im niederösterreichischen Marchfeld“ erschien im Rahmen der internationalen Tagung
Marchfeldschlösser
Grenzburgen-Jagdschlösser-Kulturtourismus
15.-17. September 2022, Marchegg, NÖ
(Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) & Stadtgemeinde Marchegg).
Publiziert 2023:
ARX 1/2023, herausgegeben vom Südtiroler Burgeninstitut, I-39100 Bozen, S. 49-54.
1Grafenweiden/Niederweiden, Katastralgemeinde Engelhartstetten, Bezirk Gänserndorf, NÖ, heute ein Burgstall und eine umwallte Ortswüstung östlich des Jagdschlosses Niederweiden; siehe: Gerhard Reichhalter, Karin u. Thomas Kühtreiber, Burgen Weinviertel (Wien 2005) 80 f.
2Katrin Halter, Thomas Baumgartner, unveröffentlichter Abschlußbericht und Dokumentation zum Recherche-Projekt Schloss Niederweiden, Band I, (2017).
3Hermann Fuchsberger, Patrick Schicht (Hg.), Stadtmauern in Niederösterreich. Markt- und Stadtbefestigungen, Österreichische Denkmaltopographie (Bundesdenkmalamt), S. 74, (Wien 2022).
4Rüdiger Rohde, Ledwenko von Ruchenau – Söldnerführer oder Räuberhauptmann? In: Jahrbuch für Landeskunde NÖ 2021, Band 87, (St. Pölten 2022), siehe hier S. 10-15.
5Burg Parz = heute: Thurnmühle, Bezirk Bruck an der Leitha, Gemeinde Schwechat, NÖ; siehe: Rudolf Büttner, Burgen und Schlösser in NÖ, Band I/1: Zwischen Schwechat und Leitha (Wien 1966) 132 f; Historisches Ortsnamensbuch von Niederösterreich [= HONB], Bd. 1. Bearb. Heinrich Weigl (Wien 1964) 215, „Porz“ (B282).
6Sigmund von Ebersdorf wird 1452 als verstorben gemeldet, 1454 war sein Bruder Albrecht von Ebersdorf der Inhaber von Parz.